Die Geschichte gleicht einer Fieberkurve: Zeiten der Euphorie wechseln mit Phasen tiefer Krisen. Inmitten allgemeiner Nervosität, hervorgerufen durch Angst, Apathie und sich zuspitzender Konflikte, zeigt das Buch „Ökonomie der Angst“ von Oliver Rathkolb, wie wichtig es ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Lektionen der Vergangenheit ernst zu nehmen, bevor sie sich wiederholen. Als sich Oliver Rathkolb mit den ersten Plänen für dieses Buch trug, dachte er noch, dass wir im Vergleich zur Zeit vor 1914 in einer vernünftigen und politisch kontrollierbaren neue Welt leben. Doch die Zeiten haben sich zum Schlechten hin gewendet. Es kam sogar noch schlimmer, als von Pessimisten prognostiziert. Russland hat sich zum Beispiel endgültig in eine brutale, aggressive Diktatur verwandelt. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Viele Menschen folgen autoritären Botschaften
Die Zuversicht ist heute wieder der Angst gewichen. Angst ist ein wesentlicher Faktor in der europäischen und US-amerikanischen Politik geworden. Zukunftsangst ist inzwischen auch global gesehen zu einem bedeutenden Phänomen geworden. Die Demokratie scheint zu kompliziert und zu langsam zu sein, um eine nachhaltig wirkende Beruhigungspille anbieten zu können. Zunehmend folgen daher viele Menschen klar autoritären Botschaften, die sie zwar von ihren Ängsten und der politischen Apathie erlösen, nichts aber an der aus ihrer Sicht negativen Situation ändern.
Ganz offensichtlich hilft auch vielen Menschen der Rückgriff auf scheinbar fixe und funktionierende religiöse Regeln. Um die total unsichere Zukunft bewältigen zu können, suchen sie sozusagen einen letzten Zufluchtsort im Irrationalen, wobei im radikal-islamischen Bereich gerade die soziale Schutzfunktion ein wichtiger Machtfaktor geworden ist. Entscheidend ist allerdings: Demokratische Grundordnung und Islamismus, der behauptet, dass alle Staatsgewalt von Allah – Gott – ausgehe, sind unvereinbar.
Die EU muss sich nach neuen globalen Partner umsehen
Die Migration und die Klimakrise sind globale Phänomene unseres nervösen Zeitalters – mit entsprechend hoher gesellschaftspolitischer Sprengkraft und Verwerfungen in den davon betroffenen Ländern. Verletzungen von Gleichheitsvorstellungen, Gefühle von Kontrollverlust und Veränderungszumutungen sind typische Trigger, die Menschen erregen und wütend machen. Dazu zählt auch die vermeintliche soziale Ungerechtigkeit, das heißt das Gefühl, dass Migranten bevorzugt werden und die Einheimischen benachteiligt und ausgebeutet werden.
Zu den Zukunftsoptionen Europas zählt Oliver Rathkolb folgende: „Die Europäische Union (EU) ist gezwungen, sich nach neuen globalen Partnern umzusehen, und das kann derzeit eigentlich nur mehr ein Teil des Globalen Südens sein, der 80 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert.“ Verbunden damit könnte im Übrigen der massive unkontrollierte Migrationsdruck reduziert und gesteuert werden, weiters könnten Bürgerkriege und bilaterale Auseinandersetzungen eingedämmt beziehungsweise verhindert werden. Die EU kann zwar bis heute nicht geopolitisch effizient agieren, aber vielleicht gelingt es eines Tages, die Wirtschaftspolitik, die einzige „Waffe“ der EU, zur Durchsetzung des europäischen Friedensraums einzusetzen.
Ökonomie der Angst
Die Rückkehr des nervösen Zeitalters
Oliver Rathkolb
Verlag: Molden
Gebundene Ausgabe: 303 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-222-15153-8, 33,00 Euro
Von Hans Klumbies
