Regierungen gestalten die Zukunft nicht allein. Es sind die Ideen und Vorschläge von Unternehmen und Einzelpersonen, die ganz genauso wichtig sind. Florence Gaub weiß: „Ohne eine zukunftsorientierte Bewegung sind Gesellschaften nicht innovativ, sei es in der Technologie, der Bildung oder Science-Fiction, sie stellen die Gegenwart nicht infrage und entwickeln keine Optionen, wie die Zukunft aussehen könnte.“ Andernorts ist dies bereits in vollem Gange: Die Long Now Foundation in Kalifornien fördert die Idee, uns als Wesen zu begreifen, das nicht nur die nächsten 100, sondern 10.000 Jahre beeinflusst. In Japan hat die Future-Design-Bewegung eine innovative Form der Bürgerversammlung ins Leben gerufen, bei der einige Teilnehmer Einwohner aus der Zukunft repräsentieren mussten. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.
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Passende Bücher bei Amazon findenDemokratien sind am besten für die Zukunft geeignet
Der japanische Tech-Gigant Soft Bank hat einen 100-Milliarden-Dollar-Visionsfond eingerichtet, der dem Unternehmen einen 300-jährigen Zeithorizont für die Planung ermöglicht. Florence Gaub stellt fest: „All das ist nicht nur moralisch wichtig, sondern auch wirtschaftlich. Studien zeigen: Je länger ein Unternehmen denkt, desto höher werden Einnahmen und Gewinne mittelfristig.“ Und was für Unternehmen gilt, gilt auch für Einzelpersonen: Menschen mit einem weiten Zeithorizont blicken längerfristig auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes und treffen bessere finanzielle Entscheidungen.
Diese Beispiele zeigen auch, dass weder Kapitalismus noch Demokratie zur Kurzsichtigkeit verdammt sind. Eine Studie zeigt, dass langfristig denkende Demokratien das am besten geeignete politische System für die Zukunft sind, nicht – wie manchmal gern behauptet – Autokratien. Die Fortschrittsphilosophie, die Idee einer besseren Zukunft, hat durchaus nach wie vor ihre Anhänger – nur nicht so sehr dort, wo sie ihren Ursprung hat – und als solche nach wie vor gültig ist.
Die Zukunft durchdringt alles Menschliche
Die Zukunft ist kein elitäres Phänomen, sondern das Menschlichste, was es gibt. Florence Gaub erläutert: „Jeder einzelne Mensch hat die Fähigkeit, sich die Zukunft vorstellen, sich vor ihr zu fürchten oder auf sie zu hoffen.“ Gerade weil die Zukunft etwas ist, das alles Menschliche durchdringt, kann sie nicht durch eine oder zwei Disziplinen allein erklärt werden. Die Zukunft wird ultimativ auf der persönlichen wie auf der kollektiven Ebene gemacht.
Daher gibt es strukturell keinen Unterschied zwischen den Zukünften, die man in sein Tagebuch schreibt, oder denen, die in Regierungen erdacht werden. Daneben wird die Zukunft immer ein Möglichkeitsraum sein. Florence Gaub erklärt: „Fakt ist nämlich, das wir eben nicht in einer so nie dagewesenen beängstigenden und unvorhersehbaren Welt leben, auch wenn man das überall hört. Wir leben in einer sehr privilegierten Zeit, in der man mit der Garantie auf ein hohes Alter zur Welt kommt und sehr große Gestaltungsfreiheit hat, sein Leben zu leben, wie man es will.“ Quelle: „Zukunft“ von Florence Gaub
Von Hans Klumbies
