Für einen Computer ist das Erkennen von Gesichtern keine andere Aufgabe als das Erkennen von Autos. Für einen Säugling ist es nicht dasselbe. Gerd Gigerenzer erklärt: „Nur zwei Tage nach der Geburt können Neugeborene bereits das Gesicht ihrer Mutter von dem Fremder unterscheiden.“ Dass sie das Gesicht ihrer Mutter erkennen, liegt offenbar daran, dass sie in ihr die erste Nahrungsquelle erkennen. Aber die Gesichtserkennung liegt bei der Geburt noch nicht in ihrer vollen Ausprägung vor. Ungefähr zehn Jahre brauchen Kinder, um Gesichter so zuverlässig wie Erwachsene zu erkennen. Das menschliche Wahrnehmungssystem ist so angelegt, dass es Objekte in wechselnden Beleuchtungen, Situationen und Kontexten wiedererkennt. Es ist in hohem Maß an ein ständig sich verändernde Welt angepasst. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gerd Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
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Aktuelle Angebote zu "Das Gehirn verfügt über eine ungeheure Flexibilität"
Passende Bücher bei Amazon findenBlockaden umgeht das Gehirn durch die Wahl einer neuen Route
Um Ungewissheiten zu bewältigen, nimmt das Gehirn nicht nur einen Weg, sondern mehrere. Wenn ein Weg blockiert ist, schlägt es eine andere Route ein. Gerd Gigerenzer fügt hinzu: „Diese ungeheure Flexibilität des Gehirns, sich auf wechselnde Hinweisreize ausrichten zu können, je nachdem, was gerade zur Verfügung steht, ist in den meisten biologischen Systemen anzutreffen.“ Beispielsweise fliegen Zugvögel Tausende von Kilometern, indem sie sich etwa nach den Sternen richten.
Das Gehirn kann ein Gesicht an der Form von Augen, Nase und Mund erkennen. Im Extremfall genügen nur einige wenige Linien, wenn ein Mensch das Gesicht von Prominenten in Karikaturen erkennt, die nur aus ein paar Bleistiftstrichen bestehen. Gerd Gigerenzer ergänzt: „Die Gesichtserkennung klappt auch, wenn Teile des Gesichts bedeckt sind und innere Merkmale wie Augen kaum sichtbar sind. In diesem Fall verlässt sich das Gehirn auf äußere Merkmale wie Haar und Kopfform.“
Die Verbesserung eines Systems führt zu weniger Fehlern
Ein zentraler Aspekt der Menschheitsevolution ist die Tatsache, dass man Gesichter schon aus der Entfernung erkennen muss, um zu entscheiden, ob es sich um Freund oder Feind handelt. Gerd Gigerenzer erläutert: „Das Gehirn ist gezwungen, die Überforderung des menschlichen Auges zu kompensieren, das unfähig ist, ferne Objekte so deutlich wie beispielsweise ein Adler zu sehen. Das macht die erfolgreiche Entzifferung verschwommener ober beeinträchtigter Bilder erforderlich.“
Wenn ein System eine Verbesserung eines anderen ist, macht es weniger Fehler – aber die sind in der Regel von ähnlicher Art. Gerd Gigerenzer stellt fest: „Doch wenn zwei Systeme sich grundsätzlich unterscheiden, wie Kohlenstoff und Silizium, machen sie wahrscheinlich auch qualitativ unterschiedliche Fehler.“ Wenn also künstliche neuronale Netze der menschlichen Intelligenz ähnelten, sollten sich ihre Fehler nur quantitativ unterscheiden. Tatsächlich aber sind ihre Unterschiede qualitativer Art. Quelle: „Klick“ von Gerd Gigerenzer
Von Hans Klumbies
