Wer sich über die Rolle sorgt, die Identität mittlerweile in den USA – und in geringerem, wenngleich schnell wachsenden Ausmaß, auch in Deutschland – spielt, der wird gern für seine ungesunde Fixierung auf den Kulturkampf, der in den sozialen Medien tobt, verlacht. Neue Ideen über Identität üben in Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten bereits enormen Einfluss aus. Yascha Mounk stellt fest: „Grundlegende Annahmen über Gerechtigkeit, den Wert von Gleichheit und die Bedeutung von Identität haben sich in tiefgreifender Weise verändert.“ Im Streit um diese Ideologie geht es um nicht mehr oder weniger als die Regeln und Prinzipien, welche die Gesellschaften des Westens in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
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Passende Bücher bei Amazon findenDas Denken der Linken über Identität hat einen starken Wandel erfahren
Statt so zu tun, als seien diese Veränderungen rein fiktiv, sollte man sie auf seriöse Weise analysieren und bewerten. Yascha Mounk erklärt: „Die neue Ideologie, die im Begriff ist, die grundlegenden Regeln und Normen unserer Gesellschaft zu verändern, hat ihren Ursprung im Wandel der zentralen Anliegen der Linken.“ Links zu sein bedeutete, auf eine Zukunft zu hoffen, in der Menschen nicht auf ihre Religion oder ihre Hautfarbe, ihre soziale Klasse oder ihre sexuelle Orientierung reduziert werden.
Linke hofften darauf, eine Welt zu erschaffen, in der Gemeinsamkeiten wichtiger als die Unterschiede werden, die in der grausamen Geschichte der Menschheit oft eine solch wichtige Rolle spielten. Yascha Mounk ergänzt: „Doch in den vergangenen sechs Jahrzehnten hat sich im Denken der Linken über Identität ein tiefgreifender Wandel vollzogen.“ Die Gründe dafür sind in mancherlei Hinsicht verständlich. In den Sechziger- und Siebzigerjahren zeigten linke Intellektuelle auf, dass ein theoretisches Bekenntnis zum Universalismus allzu häufig mit andauernder Diskriminierung gegen ethische oder religiöse Außenseiter vereinbar war.
Die Begriffe Identitätspolitik und woke sind höchst umstritten
Wie sie offenbarten, waren selbst viele linke Bewegungen für Mitglieder verschiedener Minderheiten unzureichend offen. Yascha Mounk fügt hinzu: „Aber als das Bewusstsein für die Unterdrückung verschiedener Identitätsgruppen wuchs, machten sich Teile der Linken einen neue Idee zu eigen: Sie glaubten nun, die Lösung für solche Ungerechtigkeiten müsse darin bestehen, Menschen zum Stolz auf ihre Gruppenzugehörigkeit zu animieren.“ Im Laufe der Zeit hat sich dieser vermeintlich strategische Imperativ, auf die eigene Identität zu pochen, zu einer neuen Vorstellung von den langfristigen Zielen der Linken gewandelt.
Große Teile der progressiven Bewegung wiesen die Hoffnung auf eine harmonische Zukunft als naiven Kitsch von sich. Yascha Mounk erläutert: „Stattdessen übernahm die Linke allmählich eine Version der Zukunft, in der die Gesellschaft dauerhaft durch ihre Aufteilung in voneinander abgegrenzte Identitätsgruppen geprägt sein würde.“ Vor zehn Jahren war in Zeitungsartikel, die sich mit dieser neuen Ideologie auseinandersetzten, häufig von „Identitätspolitik“ die Rede. Noch vor fünf Jahren bezeichneten die Anhänger dieser Form der Politik sich selbst stolz als „woke“. Aber beide Begriffe sind mittlerweile höchst umstritten. Quelle: „Im Zeitalter der Identität“ von Yascha Mounk
Von Hans Klumbies
