Menschen mit verdecktem Narzissmus scheinen fürsorglich zu sein – aber oft fühlt es sich nicht so an. Turid Müller erklärt: „Wir bekommen nicht das, was wir brauchen, oder wir bekommen als Dreingabe ein schlechtes Gewissen, die Verpflichtung zu ewiger Dankbarkeit oder jahrzehntelanger Vorhaltungen.“ Gerne kommt auch der Vorwurf, dass wir das Gegenüber ausnutzen würden. Das ist mal wieder Projektion. Denn tatsächlich haben narzisstische Menschen eine Tendenz, andere auszunutzen. Beziehungen sind für sie Transaktionen – oft zu unseren Lasten. Ausgelaugt zu sein ist in solchen Verbindungen ein typisches Gefühl. Wenn man zusammenwohnt, wird das eher als generelle Erschöpfung erlebt, weil es bei dauerhaftem Kontakt schwer ist, die Grundstimmung auf einzelne Begebenheiten zurückzuführen. Wenn es sich um einzelne Treffen handelt, ist teilweise beobachtbar, wie ausgelutscht man sich beim oder nach dem Kontakt mit toxischen Menschen fühlt. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
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Während bei offeneren Formen des Narzissmus schon mal das gemeinsame Anwesen plötzlich nur noch einem der beiden Beteiligten gehört, ist bei vulnerablen Narzissmus oft erst auf den zweiten Blick zu sehen, dass es hier eine Unwucht gibt. Turid Müller erläutert: „Beim verdeckten Narzissmus ist oftmals kaum zu erkennen, wer hier eigentlich wen ausnutzt: Gut möglich, dass das Opfer als psychosomatische Reaktion auf den Missbrauch erkrankt und von der Person umsorgt und gepflegt wird, die das alles verursacht hat.“
Das kann unbewusst passieren – aber auch mit voller Absicht wie zum Beispiel beim sogenannten „Münchhausen-Stellvertretersyndrom, wo das Opfer bewusst krank gemacht wird, sodass sich der narzisstische Part dann in der helfenden Rolle Lorbeeren verdienen kann. Turid Müller fügt hinzu: „Meist sind die Opfer die eigenen Kinder. Es kann aber auch in anderen Konstellationen, zum Beispiel in Liebesbeziehungen, vorkommen. Narzisstische Menschen gefallen sich als „Rettung in der Not“ – die starke Rolle.“
Das Ausnutzen findet auf unterschiedlichen Ebenen statt
Das ist eine weitere Dynamik, in der das Opfer unter Umständen so wirkt, als würde es nur nehmen. Turid Müller ergänzt: „Doch mit ihren Schwächen und Verletzlichkeiten vertrauen sich die anderen nicht vollständig an; sie lassen sich nicht fallen.“ Es kann sehr traurig sein, in schweren Stunden keine Chance zu bekommen, für unsere Lieben da zu sein. Doch das Gegenteil ist genauso möglich: dass wir genötigt werden, unser Leben aufzugeben, um uns um sie zu kümmern.
Auf welcher Ebene das Ausnutzen stattfindet, kann ganz unterschiedlich sein. Für verdeckten Narzissmus wird oft beschrieben, dass schleichend Haushalt, Sorgearbeit und andere Alltagsaufgaben beim Opfer landen, das lieber alles selbst macht, statt zu diskutieren, unnötige Fragen zu beantworten oder bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf Erledigung zu warten. Turid Müller weiß: „Ob Lebensenergie, Ausflugsplanung, Finanzen, Sexualität, Emotionen oder Beziehungsarbeit – es ist eine einseitige Angelegenheit.“ Quelle: „Verdeckter Narzissmus“ von Turid Müller
Von Hans Klumbies
