In seiner „Geschichte eines Deutschen“ beschrieb der Historiker Sebastian Haffner 1939 die öffentliche Apathie in den Wochen und Monaten der NSDAP-Machtübernahme. Arne Semsrott weiß: „Die Nazis waren sechs Jahre zuvor, am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen – nicht durch eine Putsch oder eine Alleinregierung, sondern als Teil einer rechten Regierungskoalition.“ Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, zwei weitere Personen im Reichskabinett gehörten wie er der NSDAP an. Die weiteren elf Kabinettsmitglieder waren Teil der nationalkonservativen DNVP oder anderer nationalistischer und konservativer Strömungen. Sebastian Haffner fängt in seinem Tagebuch die zu dieser Zeit vorherrschende Stimmung innerhalb der Bevölkerung ein. Er schreibt, insgesamt habe man den Eindruck gehabt, die bürgerliche Rechte hätte die Nazis durch die Regierungsbeteiligung „eingefangen“. Arne Semsrott ist Politikwissenschaftler und Aktivist.
Der Reichskanzler gab täglich antisemitische Tiraden von sich
Zwar habe es nach der Regierungsbildung zunächst einen „eisigen Schrecken“ gespürt, so Sebastian Haffner, doch gleichzeitig hätte man Entwarnung gegeben: Man war sich einig darüber, dass die neue von Adolf Hitler angeführte Regierung „zwar eine Chance hatte, eine ganz hübsche Menge Unheil anzurichten, aber kaum eine Chance, lange zu regieren“. Arne Semsrott stellt fest: „Privat und beruflich änderte sich bei Haffner durch die Machtübernahme der NSDAP nicht viel. Er arbeitete zu der Zeit als Rechtsreferendar am Preußischen Kammergericht in Berlin.“
Das Bürgerliche Gesetzbuch blieb bürgerlich. Arne Semsrott erklärt: „Die Normalität wurde für Haffner und sein Umfeld auch nicht dadurch erschüttert, dass Hitler als Reichskanzler täglich antisemitische Tiraden von sich gab.“ Sebastian Haffner lehnte Adolf Hitler zwar insgeheim ab, aber war anders als prominente Hitler-Gegner wie Hans Litten oder Carl von Ossietzky, die in Schutzhaft kamen, nicht unmittelbar von seiner Hetze betroffen. Erst nachdem es am 27. Februar 1933 zum Reichstagsbrand kam, wurden die autoritären Maßnahmen der Hitler-Regierung auch für Haffner zunehmend spürbar.
Keiner wollte seine Freiheit für einen Kampf gegen die Nazis aufgeben
Er beschreibt die Zensur, die telefonische Überwachung, das KPD-Verbot, die Aussetzung der Grundrechte und das gewalttätige Auftreten der SA-Trupps auch im Kammergericht. Arne Semsrott erläutert: „Trotzdem blieb der öffentliche Aufstand aus, selbst der Einrichtung der ersten „wilden“ Konzentrationslager in den folgenden Wochen folgten keine Konsequenzen, und das, obwohl die NSDAP auch bei den erneuten Reichstagswahlen weiterhin keine absolute Mehrheit erzielen konnte.“
Warum konnten die Nazis dennoch durchregieren und ihre Diktatur errichten? Sebastian Haffner beschreibt, dass kaum jemand bereit war, seine persönliche Freiheit und die gefühlte Normalität für einen Kampf gegen die Nazis aufzugeben: „Dennoch war es, seltsam genug, auch und gerade dies mechanisch und automatisch weiterlaufende tägliche Leben, was es verhindern half, dass irgendwo eine kraftvolle, lebendige Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfand.“ Quelle: „Machtübernahme“ von Arne Semsrott
von Hans Klumbies
