Moderne Hellseher setzen subtile psychologische Manipulationen ein

Kit Yates weiß: „Die subtilen psychologischen Manipulationen, die moderne Hellseher und Wahrsagerinnen benutzen, um ihre Opfer zu umgarnen, sind dieselben Tricks, die Orakeldeuter und Seher überall auf der Welt schon früher benutzt haben.“ Als der lydische König Krösus das Orakel von Delphi befragte, ob er sich gegen die wachsende Macht des Persischen Reichs in seinem Geburtsland Anatolien zur Wehr setzen solle, erhielt er die Antwort: „Wenn du den Fluss überquerst, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Da er die Prophezeiung als gutes Omen ansah, begann er 547 v. Chr. einen Feldzug gegen die Perser, und ein großes Reich wurde zerstört – sein eigenes. Kit Yates lehrt an der Fakultät für mathematische Wissenschaften und is Co-Direktor des Zentrums für mathematische Biologie der University of Bath.

Kein Orakel riskierte falsche Vorhersagen

Der Orakelspruch war natürlich für diese Niederlage nicht verantwortlich, denn wie manche Kommentatoren im Nachhinein vermuteten, war dies von Anfang an die Aussage des Orakels gewesen. Kit Yates erklärt: „Ganz wie die heutigen Wahrsager, die auf die Regenbogen-List setzen, lag das Orakel mit seiner alles abdeckenden Aussage, dass es bei der Schlacht einen Sieger geben würde, auf keinen Fall daneben.“ Man gelangt nicht an die Spitze der mächtigsten und meistrespektierten Wahrsageinstitution der Antike, indem man falsche Vorhersagen riskiert.

Als ein griechischer General das Orakel von Dodona nach seinem Schicksal in der bevorstehenden Schlacht befragte, soll das Orakel geantwortet haben. „Gehen wirst du zurückkehren wirst du niemals im Krieg sterben wirst du.“ Das ist ein wunderbares frühes Beispiel für eine Ex-post-facto-Aussage – sie fällt in dieselbe Kategorie wie die verschwindende Negation. Kit Yates erläutert: „Um immer auf der richtigen Seite zu stehen, ist der Satz bewusst doppeldeutig gehalten.“

Nostradamus setzte die Schrotflinten-Methode ein

Der Satz hat zwei diametral entgegengesetzte Bedeutungen, je nachdem, worauf man das niemals bezieht. Kam der General in der Schlacht um, ließ sich der Satz so interpretieren: „Du wirst gehen und niemals zurückkehren, im Krieg wirst du umkommen.“ Kehrte er hingegen siegreich zurück, war immer „Du wirst gehen, du wirst zurückkehren, niemals im Krieg wirst du umkommen“ gemeint gewesen. Der Ausdruck „ibis redibis“ wird im juristischen Kontext benutzt, um auf eine verwirrende oder uneindeutige Aussage zu verweisen, und geht direkt auf die lateinischen Orakelspruch zurück.

Dann gab es natürlich auch die Schrotflinten-Methode von Nostradamus. Kit Yates stellt fest: „In seinen fast 4.000 Zeilen vager Vorhersagen gibt es zwangsläufig ein paar Sätze, die man auf wichtige politische Ereignisse beziehen kann. In manchen Fällen waren seine Prophezeiungen jedoch so vage, dass derselbe Vierzeiler als Vorhersage ganz verschiedener Ereignisse gedeutet wurde.“ Wenn man genügend dieser doppeldeutigen Vorhersagen macht, dann liegt es auf der Hand, dass einige, im Nachhinein gedeutet, zwangsläufig „wahr“ werden. Quelle: „Wie man vorhersieht, womit keiner rechnet“ von Kit Yates

Von Hans Klumbies