Mirjam Schaub entwickelt in ihrem Buch „Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis“ eine unerhörte Kulturgeschichte, in der sie den Formen der Radikalität von der Antiken bis zur Gegenwart beschreibt. Die Autorin erklärt: „Radial ist, wer den Riss zwischen Theorie und Praxis nicht länger erträgt und anfängt, die von Aristoteles begründete, nötige Distanz zwischen beiden Größen einzureißen.“ Wer sich gegen die Theorie-Praxis-Lücke, gegen die symbolische Ordnung und gegen die eigene Selbsterhaltungsinteressen wendet, ist damit nur noch eine Wimpernschlag vom Extremisten entfernt. Der Radiale unterscheidet sich vom Extremisten jedoch durch die Selbstbeherrschung, einer selbst auferlegten Zurückhaltung, die es ihm erlaubt, das eigene Opfer an der Grenze des eigenen Lebens enden zu lassen. Mirjam Schaub ist Professorin für Kulturphilosophie und Ästhetik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.
Radikalität ein Angriff auf symbolische Ordnungen jedweder couleur
Schillernd und fremd, stiftet Radikalität in ihrer Entschiedenheit Irritation. Unnötig und exzessiv, kratzt ihre Kompromisslosigkeit am Maßstab des Tunlichen. Peinlich und peinigend, verschiebt sie das Menschenmögliche ins Ungeheuerliche. Mirjam Schaub fügt hinzu: „Als Wette auf das Absolute verheißt sie, frei und selbstbestimmt, mehr noch: unkorrumpierbar zu sein. Darin legen ihr Versprechen, ihr Reiz und ihr Fluch. Wer an ihr scheitert, taucht den hehren Anspruch gegen freidrehenden Zynismus ein.“
Radikalität zeugt vom unerhörten Gebrauch des eigenen Lebens wie des eigenen Körpers. Wer nicht nur das eigene Denken, sondern seine ganze Existenz an eine Überzeugung bindet, die als einzig mögliche Wahrheit erscheint, verschreibt sich einer radikalen Idee. Wer bereit und in der Lage ist, alles dafür aufs Spiel zu setzen, sogar das eigene Leben, denkt nicht nur, sondern handelt radikal. Radikalität wirkt fast immer antisozial und polarisierend. Strukturell betrachtet ist Radikalität ein Angriff auf symbolische Ordnungen jedweder couleur.
Die neue Radikalität drückt sich in spaßorientierten Formen aus
Die von Aristoteles postulierte Theorie-Praxis-Lücke führt den Philosophen in die Gemeinschaft der Nicht-Philosophen zurück, indem sie Leben und Denken desselben wieder ein Stück weit – nicht zu weit! – trennt. Aristoteles begreift die Theorie als eine eigene und andere Form von Praxis; genauer: als ein Konkurrenzverhältnis zwischen zwei Praktiken, zwischen Rede und Tat. Das Reden wird zum Ersatz für das Handeln. Reden erzeugt den Schein vom Tun. Beide bleiben keine länger aufeinander verwiesenen Praktiken mehr.
In der Gegenwart vollzieht sich das Aufweichen und Untergraben von rigiden Formen staatlicher Kontrolle parallel zum weitgehenden Verzicht auf die klassischen Erscheinungsformen von Radikalität, die wir mit Helmuth Plessner als elitär, theorieversessen, lustfeindlich und rigide kennengelernt haben. Diese neue Radikalität , die uns nun begegnet, bleibt nicht länger rigoros selbstbezogen und obsessiv beschäftigt mit der schockierenden Vorbildwirkung des eigenen Körpers und des eigene Lebens. Vielmehr drückt sie sich in populären, spaßorientierten Formen des politischen Protests aus.
Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis
Eine unerhörte Kulturphilosophie
Mirjam Schaub
Verlag: Felix Meiner
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-7873-4938-8, 48,00 Euro
Von Hans Klumbies
