Michel Foucault befreit das Denken

Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins ist dem Philosophen Michel Foucault gewidmet. In ihrem Editorial beschreibt Chefredakteurin Catherine Newmark den französischen Denker und Intellektuellen als einen Menschen, der die Philosophie gerade nicht als ein Gespräch mit den komplizierten Gedanken weiser alter Männer betrieb, sondern als ein einziges großes Warum-Fragen: „Warum ist unsere Idee von Wahrheit so, wie sie ist, und nicht anders? Wie sind überhaupt unsere Kategorien des Wissens und der Weltwahrnehmung entstanden?“ Michel Foucault interessierte es überhaupt nicht, sich in ein bestehendes philosophisches Systemdenken mit einem weiteren Argument einzumischen. Ihm ging es ums große Ganze: „Wie kommt es, dass wir so denken, wie wir denken?“ Und ebenso: „Wie hat sich unser kompliziertes Verhältnis zu uns selbst und zu unserem Körper historisch entwickelt?“

Bei Michel Foucault steht Leben und Werk im Einklang

Zudem beschäftigte sich Michel Foucault mit Themen, die das Leben direkt betrafen. Er denkt von den Rändern her, er interessiert sich für Themen, die von der Philosophie vernachlässigt wurden: Wahnsinn, Kriminalität, Sexualität. Und stets steht sein Denken in direktem Bezug zu seinem politischen Engagement und seinem persönlichen Leben. Bei ihm stehen Leben und Werk im Einklang. Michel Foucault sagte einmal von sich selbst: „Ich bin ein Experimentator und kein Theoretiker.“

Ein weiteres Zitat des Philosophen lautet: „Ich habe kein Buch geschrieben, das nicht, zumindest teilweise, einer unmittelbaren persönlichen Erfahrung entstammt.“ Michel Foucault durchwühlt als Archäologe die Tiefen des Wissens und entdeckt gleichzeitig die Derbheit des Realen und die Gewaltsamkeit der Kämpfe. In Tunesien hat seine Begegnung mit der Willkür für ihn den Effekt einer Schockwelle: „Der intensivste Punkt der Leben, der Punkt, an dem sich ihre Energie konzentriert, ist eben da, wo sie mit der Macht zusammenstoßen.“

Die Frage nach der Wahrheit zieht sich durch das gesamte Werk von Michel Foucault

Zur Hochzeit des Strukturalismus erscheint Michel Foucaults Bestseller „Die Ordnung der Dinge“. Darin liefert er eine Archäologie des Wissens, welche die Wissenschaftsgeschichte erneuert. Als Archäologe gräbt Michel Foucault ein „Unbewusstes“ des Wissens aus, ein „anonymes“ Denken, von dem es konstituiert wird. Für ihn taucht der Mensch erst in der Moderne auf dem Radar des Wissens auf und wird zum privilegierten Gegenstand der Erkenntnis: „Vor dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts existierte der Mensch nicht.“

Der „Mut zur Wahrheit“, der sein eigenes Leben aufs Spiel setzt – das ist eine Radikalität, die der späte Michel Foucault in der antiken Philosophie, bei Sokrates, Platon und dem Kyniker Diogenes, findet und die ihn fasziniert. Denn die Frage nach der Wahrheit, die sich durch sein gesamtes Werk zieht, ist nicht nur mit Wissenschaft, Macht, Sexualität verbunden, sondern ebenso mit Politik – und mit der Möglichkeit, sich für politische Veränderung einzusetzen. In seiner Schrift „Die Sorge um die Wahrheit“ schreibt er einen Satz, der aktueller nicht sein könnte: „Nichts ist unbeständiger als ein politisches System, dem die Wahrheit gleichgültig ist; doch nichts ist gefährlicher als ein politisches System, das die Wahrheit vorschreiben will.“

Von Hans Klumbies

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