Der Staat hat gegenüber Konzepten des guten Lebens neutral zu sein

Die Version des Liberalismus, die den Vorrang des Rechten über das Gute behauptet, war im Amerika der 1970er Jahre zur vorherrschenden Philosophie des Öffentlichen geworden. Michael J. Sandel erklärt: „Die Vorstellung, dass der Staat gegenüber konkurrierenden Konzepten des guten Lebens neutral zu sein habe, um die Rechte der Menschen zu achten, ihre eigenen Werte und Ziele zu wählen, zeigte sich vor allem im politischen Diskurs und im Verfassungsrecht.“ Das Bild der Person als freier und unabhängiger Persönlichkeit, unbelastet durch moralische oder politische Bindungen, die sie nicht gewählt hat, kam in Politik, Ökonomie, Rechtswesen, Philosophie und der weiter gefassten öffentlichen Kultur zum Ausdruck. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.

Das moderne Leben zersetzte viele Formen der Gemeinschaft

Doch ungeachtet ihrer Vision der Befreiung, war die Philosophie des Öffentlichen im zeitgenössischen Liberalismus unfähig, die versprochene Freiheit zu sichern. Der Triumph des voluntaristischen Konzepts von Freiheit ging mit einem wachsenden Gefühl der Entmachtung einher. Michael J. Sandel ergänzt: „Obwohl Rechte und Ansprüche zunahmen und obwohl die politische Ökonomie von Wachstum und Verteilungsgerechtigkeit vieles erreichte, befanden die Amerikaner frustriert, dass sie die Kontrolle über die Kräfte verloren, die ihr Leben lenkten.“

Im Inland wie im Ausland ging die Kontrolle über das Geschehen verloren, und der Staat schien keine Mittel zu finden, darauf zu reagieren. Michael J. Sandel fügt hinzu: „Zugleich zersetzten die Umstände des modernen Lebens jene Formen von Gemeinschaft – Familien und Nachbarschaften, Städte und Gemeinden, zivile, ethische und religiöse Gemeinschaften –, die den Menschen ihren Platz in der Welt zuweisen und eine Quelle der Identität und der Zughörigkeit bereitstellen.“

Die Geschichte markiert ihre Momente selten genau

Diese beiden Befürchtungen – die Selbstbestimmung zu verlieren und die Gemeinschaft erodieren zu sehen – definierten die Ängste der Ära. Michael J. Sandel erläutert: „Es waren Ängste, die von der herrschenden politischen Agenda mit ihren geschwächten zivilgesellschaftlichen Ressourcen nicht beantwortet oder auch nur angesprochen werden konnten.“ Dieses Versagen befeuerte die Unzufriedenheit, die von der amerikanischen Politik vom Ende der 1960er Jahre bis heute geplagt wird.

Die politischen Gestalten, die es schafften, die unzufriedene Stimmung zu erschließen, erreichten das, indem sie über die Begriffe des zeitgenössischen Liberalismus hinausgingen; manche wollten mit einer Wiedererweckung republikanischer Themen darauf reagieren. Die Geschichte markiert ihre Momente selten genau; die Linie, die sie in der Zeit umrandet, sind oft verschwommen und schwer auszumachen. Doch das Jahr 1968 bildete eine Ausnahme – damals verfiel Amerikas Phase der Herrschaft. Quelle: „Das Unbehagen in der Demokratie“ von Michael J. Sandel

Von Hans Klumbies