Die wachsenden Zweifel an den Aussichten der Bürgertugend in den 1780er Jahren lösten zweierlei Reaktionen aus – die eine formativ, die andere prozedural. Michael J. Sandel erläutert: „Die erste war bestrebt, durch Erziehung und andere Mittel die Tugenden nachdrücklicher zu vermitteln. Die andere wollte Tugenden mit Hilfe von Verfassungsänderungen weniger notwendig machen.“ In seinem Vorschlag für öffentliche Schulen in Pennsylvania verlieh Benjamin Rush dem formativen Impuls starken Ausdruck. Er erklärte 1786, die einer Republik angemessene Erziehungsweise vermittle vorrangige Gefolgschaft für das Gemeinwohl: „Man möge unseren Schüler lehren, dass er sich nicht selbst gehört, sondern öffentliches Eigentum ist. Man lehre ihn, seine Familie zu lieben, doch man lehre ihn gleichzeitig, dass er sie aufgeben und sogar vergessen muss, wenn das Wohlergehen seines Landes dies erfordert.“ Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Die Verfassung sollte Amerika vor privatem Glücksstreben schützen
Mit einem entsprechenden System öffentlicher Erziehung, behauptete Benjamin Rush, sei es „möglich, Männer in republikanische Maschinen zu verwandeln. Das hat zu erfolgen, wenn wir von ihnen erwarten, dass sie ihre Rolle in der großen Maschinerie der Staatsregierung angemessen ausführen.“ Michael J. Sandel blickt zurück: „Die ereignisreichste prozedurale Reaktion auf republikanische Befürchtungen wegen des mangelnden Bürgersinns war die Verfassung von 1787.“
Die Verfassung war mehr als ein Mittel gegen die Fehler der Artikel der Konföderation – sie hatte den weiter reichenden Ehrgeiz, „den Republikanismus Amerikas vor den tödlichen Auswirkungen von privatem Glücksstreben zu schützen“, vor den gewinnsüchtigen Beschäftigungen, welche die Amerikaner so sehr banden und sie vom Gemeinwohl ablenkten. Michael J. Sandel stellt fest: „Obwohl die Verfassung durch die Furcht angestoßen wurde, dass der Bürgersinn verloren gehen könnte, zielte sie nicht darauf ab, den moralischen Charakter der Menschen zu heben – zumindest nicht direkt.“
Die Verfassung garantierte die Aufteilung der Macht
Stattdessen strebte sie nach Verfassungswerkzeugen, die den republikanischen Staat, um ihn zu schützen, weniger von der Tugend der Bevölkerung abhängig machen sollten. Michael J. Sandel erklärt: „Als die Gestalter der Verfassung sich in Philadelphia versammelten, waren sie zu dem Schluss gekommen, dass Bürgersinn etwas war, was von den meisten Leuten meist nicht erwartet werden konnte.“ Laut James Madison würde die Verfassung „das Fehlen besserer Motive“ durch institutionelle Werkzeuge ausgleichen, mit denen „gegensätzliche und konkurrierende Interessen“ gegeneinandergestellt würden.
Die Aufteilung der Macht unter Exekutive, Legislative und Judikative, die Teilung der Macht zwischen den Regierungen der Föderation und der Länder, die Teilung des Kongresses in zwei Körperschaften mit unterschiedlichen Bestimmungen und Wahlbezirken sowie die indirekte Wahl des Senats gehörten zu den „Erfindungen der Vorsicht“. Michael J. Sandel weiß: „Mit ihnen sollte die Freiheit gesichert werden können, ohne dass man sich übermäßig auf die Tugend der Bürger verlassen musste.“ Quelle: „Das Unbehagen in der Demokratie“ von Michael J. Sandel
Von Hans Klumbies
