Menschen verfügen über drei Vertrauensressourcen

Gerald Hüther weiß: „Wir Menschen verfügen über drei Vertrauensressourcen, die uns in schwierigen Situationen helfen, wieder einen kühlen Kopf zu bekommen, also den mit einer um sich greifenden Inkohärenz verbundenen enormen Energieverrauch im Gehirn wieder zu verringern.“ Bildlich vorstellen kann man sie sich als eine dreibeinigen Hocker. Wenn da ein Bein fehlt, fällt er zusammen mit dem, der darauf sitzt, sehr leicht um. Das erste Bein ist das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen. Wenn einem Menschen angesichts einer Bedrohung einfällt, dass er ja schon ähnliche Situationen ganz gut meistern konnte, dann macht er das, was ihm auch damals schon geholfen hatte. Und wenn es so funktioniert, verschwindet die Angst. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.

Kinder sollten viele unterschiedliche Probleme selbst lösen

Damit jemand aber ein möglichst breites Spektrum an eigenen Kompetenzen zur Angstbewältigung herausbilden kann, muss die betreffende Person schon während ihrer Kindheit, aber auch später im Leben möglichst viele unterschiedliche Probleme selbst gelöst und Gefahren durch geeignete Verhaltensweisen überstanden haben. Gerald Hüther ergänzt: „Jemand, dem schon als Kind alle Probleme und Schwierigkeiten von Eltern und anderen wohlmeinenden Unterstützern aus dem Weg geräumt werden, kann das freilich nicht lernen.“

Wenn wir unsere Liebsten also vor den angsteinflößenden Botschaften irgendwelcher Rattenfänger schützen wollen, sollten wir dafür sorgen, dass sie immer wieder mit neuen, durchaus auch bedrohlichen Situationen konfrontiert werden. Gerald Hüther fügt hinzu: „Allerdings nur mit solchen, die sie aus eigener Kraft und gegebenenfalls mit ein wenig Unterstützung durch uns zu bewältigen imstande sind.“ Nicht in der Theorie, sondern nur durch selbst gemachte praktische Erfahrungen können sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene das Wissen und die Kompetenz aneignen, die sie brauchen, um in bedrohlichen Situationen zu wissen, was zu tun ist.

Heranwachsende brauchen starke und liebevolle Begleiter

Das Vertrauen in die eigenen, im bisherigen Leben bereits erworbenen Fähigkeiten zur Bewältigung von Schwierigkeiten verbricht aber sofort und meist auch sehr nachhaltig, wenn sich die betreffende Person mit Problemen konfrontiert sieht, die so bedrohlich werden, dass sie nicht die geringste Chance hat, selbst etwas zu tun, um dieser Gefahr zu entkommen. Gerald Hüther erklärt: „Kinder geht das so, wenn sie erleben müssen, dass ihre eigenen Eltern völlig verzweifelt und ohnmächtig reagieren, weil sie vor etwas Angst haben, das sie weder kontrollieren noch abstellen können.“

Und wie viele Kinder müssen hilflos zuschauend, wie ihre Eltern ständig miteinander streiten, einander verletzen und irgendwann so ratlos sind, dass sie voreinander davonlaufen und sich trennen? Gerald Hüther stellt fest: „Wenn es noch nicht einmal ihre Eltern schaffen, verlieren diese Kinder das Vertrauen, dass sie jemals selbst in der Lage sind, Lösungen für ein Zusammenleben mit anderen ohne Angst zu finden.“ Damit Heranwachsende stark werden, brauchen sie keine Maulhelden, Helikoptereltern oder Warmduscher, sondern starke und liebevolle Begleiter. Quelle: „Lieblosigkeit macht krank“ von Gerald Hüther

Von Hans Klumbies