Menschen verfügen über die Möglichkeit der Erkenntnis

Der Mensch kann sich auf etwas Bestimmtes beziehen, kann es mit anderen vergleichen und sich darin mit seinesgleichen verständigen. Die Erkenntnis als entscheidendes Medium der Verständigung der Menschen über die Natur und über sich selbst ist für den Philosophen Heraklit das entscheidende Merkmal der menschlichen Gattung. Volker Gerhardt erklärt: „Menschheit ist die Gemeinschaft der Lebewesen, die sich des Geistes bedienen. Man kann tatsächlich von einer „Gemeinschaft“ der Menschen sprechen, weil sie, über alle Unterschiede hinweg, ihre Gemeinsamkeit darin haben, dass sie über Erkenntnis verfügen und damit sowohl von ihren Unterschieden wie auch von dem sprechen können, was sie verbindet.“ Volker Gerhardt lehrte bis 2012 als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Dort ist er auch weiterhin als Seniorprofessor tätig.

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Menschen besitzen die Fähigkeit zur planvollen Kooperation

Der Begriff des Geistes hat eine innere und eine äußere Sinndimension. Sie verbindet die Menschen wie eine vertraute Gewohnheit, wie auch das Licht, das sie alle zum Sehen brauchen. Volker Gerhardt kennt Heraklits Verständnis von Erkennen: „Er schreibt es nicht nur dem Menschen überhaupt, sondern ausdrücklich allen Menschen zu und rechnet auch die Selbsterkenntnis hinzu.“ Das Allgemeine der Erkenntnis hat der Mensch als Einzelwesen in sich. Folglich geht jeder Einzelne bereits als Individuum über sich hinaus und vertraut sich in dem, was er für sich als wichtig erkannt hat, dem Universellen an.

Das Individuum ist mit seiner Fähigkeit zur Erkenntnis von etwas Allgemeinem, selbst allgemein und individuell in einem. Und diese Eigenschaft des Menschen ist seine Fähigkeit zur allgemeinen Erkenntnis. Es ist die Einsicht, die es ermöglicht, das Handeln des Einzelnen mit dem Handeln anderer zu verbinden. Volker Gerhardt erläutert: „Man kann, wenn es denn sein soll, dasselbe oder, wenn es anders ist, auch Verschiedenes verrichten. Darin liegt die Bedingung der Möglichkeit zu planvoller Kooperation.“

Der allesdurchdringende Geist trägt und lenkt die Natur

Diese durch die Erkenntnis eröffnete Handlungschance für eine größere Zahl von Menschen erweitert Anaxagoras, ein Denker der ersten Generation nach Heraklit, um eine ganze Dimension spezifisch menschlichen Tuns. Volker Gerhardt blickt zurück: „Als Naturphilosoph, dem es um ein Verständnis um die bewegenden Kräfte in der Natur geht, gelangt er zu der Überzeugung, dass es der nous – Geist – sein muss, der alles in Bewegung setzt.“ Dieser als vernünftig und zweckmäßig gedachte, alles umfassende und alles durchdringende Geist trägt und lenkt die Natur als ganze wie ein Gott.

Anaxagoras stellt klar, dass es der nous ist, der nicht nur die Bewegung auslöst, sondern ihr auch einsichtige Ziele gibt, die gemeinschaftlich verfolgt werden können. Volker Gerhardt stellt fest: „Und dabei steht für Anaxagoras offenbar nicht in Zweifel, dass es im Handeln einer Menge von Menschen nicht nur um Zwecke geht, die praktischen, also sittlichen oder politischen Absichten folgen. Für ihn gehören auch die „poietischen“, die technischen Zielsetzungen hinzu.“ Quelle: „Individuum und Menschheit“ von Volker Gerhardt

Von Hans Klumbies

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