Menschen sind von Natur aus gut

Durch die Französische Revolution konnte sich Martin Luthers Freiheit des Christenmenschen zu den Menschenrechten weiterentwickeln. Francis Fukuyama erklärt: „Diese Recht waren mit der Entscheidungsfreiheit verbunden, aber entbunden von dem religiösen Rahmen, in den sie eingebettet gewesen war. Die Auswertung des Inneren gegenüber dem Äußeren wurde später auch in eine säkulare Form gegossen, ganz besonders im Werk von Jean-Jacques Rousseau.“ Nach seiner Auffassung beginnt alles menschliche Übel damit, dass sich glückliche, solitär lebende Individuen im Naturzustand zu einer Gesellschaft zusammenfinden. Jean-Jacques Rousseau drehte die biblische Geschichte um: In ihr werden Adam und Eva einer Erbsünde für schuldig befunden, die es nun zu sühnen oder abzubüßen gilt. Er argumentiert umgekehrt, Menschen wären von Natur aus gut und würden nur zu schlechten Menschen, wenn sie in eine Gesellschaft einträten und sich miteinander zu vergleichen begännen. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.

Autonomie ist auf das authentische innere Selbst angewiesen

Jean-Jacques Rousseau schreibt jedoch den Menschen auch zu, sich „vervollkommnen“ zu können, was bedeutet, dass sie von dem, was wir heute als ihr kulturelles Umfeld bezeichnen würden, noch nicht endgültig geprägt seien und sich daher entscheiden könnten, ihr natürliches Gut-Sein wiederzuerlangen. Francis Fukuyama ergänzt: „Rousseau trug damit einen Gedanken vor, der zu einer Kernidee der modernen Geistesgesichte wurde – nämlich, dass wir ein tief verborgenes inneres Wesen besäßen, das durch die Schichten der sozialen Regeln erstickt würde, welche uns von der uns umgebenen Gesellschaft aufgezwängt würden.“

Autonomie bedeutete für Jean-Jacques Rousseau, dieses authentische innere Selbst wieder hervorzubringen, damit es den gesellschaftlichen Regeln entkommen könne, die es gefangen hielten. Francis Fukuyama weiß: „Der andere Denker der Aufklärung, der dem Selbstverständnis des modernen Liberalismus kritisch gegenüberstand, war Immanuel Kant. Er griff Jean-Jacques Rousseaus Idee der Perfektibilität – Vervollkommnung – auf und machte sie zum Kern seiner Moralphilosophie.“

Immanuel Kants Moral beruhte auf abstrakten Regeln der Vernunft

Gleich am Anfang seiner „Grundlegung zur Moralphysik der Sitten“ (1785) erklärt Immanuel Kant, das einzig bedingungslos Gute sei ein guter Wille, und dass des die Fähigkeit zu moralischen Entscheidungen sei, die uns eindeutig zu Menschen mache. Der Mensch sei ein „Zweck an sich selbst“ und solle niemals bloß als Mittel zu anderen Zwecken behandelt werden. Darin können wir ein säkulares Echo der christlichen Vorstellung des Menschen erkennen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sei und auf der Grundlage seiner eigenen Fähigkeit zur moralischen Entscheidung lebe.

Francis Fukuyama erläutert: „Aber im Unterschied zur christlichen Freiheit beruhte Immanuel Kants Moral auf abstrakten Regeln der Vernunft und nicht auf dem geoffenbarten Wort Gottes.“ Sie bildet die Grundlage der liberalen Prinzipien des Universalismus und der Gleichheit: Menschen unterschiedlicher Nationalitäten verfügen über die gleiche Fähigkeit zur moralischen Entscheidung. Wie im Falle der universalen Kirche bedeutet diese gleiche Würde, dass alle Menschen mit gleicher Achtung behandelt werden müssen, eine Achtung, die durch ein Rechtssystem formalisiert wird. Quelle: „Der Liberalismus und seine Feinde“ von Francis Fukuyama

Von Hans Klumbies