Die Ausrufung von Unausweichlichkeit ist meistens eine falsche Prophezeiung. Rebecca Solnit schreibt: „Hoffnung ist in diesem Sinn schlicht die Erkenntnis, dass die Ungewissheit eventuell Raum dafür lässt, sich zu den besten Möglichkeiten hin- und von den schlechtesten wegzubewegen, dass die Zukunft, anders, als ihr oft angedichtet wird, eben kein bereits existierender Ort ist, zu dem wir uns hinschleppen, sondern einer, den wir mit unseren Handlungen – oder auch unserem Nichtstun – in der Gegenwart erst erschaffen.“ Genauer gesagt besteht Hoffnung aus dieser Erkenntnis sowie der Bereitschaft, auf die besseren Möglichkeiten innerhalb des Spielraum des Ungewissen, des noch nicht Geschaffenen hinzuarbeiten. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.
Das Unwahrscheinliche darf man nicht ausblenden
Das Unbehagen an der Ungewissheit manifestiert sich als Fatalismus, Pessimismus, Untergangserwartung, Verzweiflung – manchmal aber auch als Optimismus –, wenn es so tut, als wüssten wir genau, was geschehen wird. Rebecca Solnit ergänzt: „Es reduziert die Unermesslichkeit des Unbekannten auf das Bekannte, auf die falsche Gewissheit, die vorgibt zu wissen, um ignorieren zu können, dass sie nichts weiß.“ Das Wahrscheinliche trifft zwar oft ein, das Unwahrscheinliche aber immer noch so häufig, dass wir es nicht ausblenden dürfen.
Was im Rückblick offensichtlich, vorhersehbar, unausweichlich erscheint, galt zuvor als oft unwahrscheinlich oder unmöglich. Die genaue Erinnerung daran hilft, auch beim nächsten Mal etwas angeblich Unmögliches anzupacken. Rebecca Solnit fügt hinzu: „Falsches – oder gar nicht erst stattfindendes – Erinnern dagegen bringt uns im Umgang mit der Zukunft nicht weiter. Die Erinnerung ist vor allem dann eine Kraft, wenn sie die großen Muster, den sich langsam vollziehenden Wandel erkennt, während gezieltes Vergessen und Amnesie von Schwäche zeugen.“
Die Geschichte der letzten hundert Jahre prägt ihre Unvorhersehbarkeit
Gespräche zwischen den Generationen, historische Kenntnisse und die gewohnheitsmäßige Suche nach Kontext tragen zu dieser Kraft bei. Howard Zinn, der Historiker des Möglichen, sagte in diesem Zusammenhang Folgendes: „Wir neigen zu den Annahme, dass es so, wie es ist, bleiben wird. Wir vergessen, wie oft es schon vorkam, dass uns der plötzlich einsetzende Zerfall von Institutionen, ein verblüffendes Umdenken, unerwartet ausbrechende Aufstände gegen Tyranneien, der rapide Zusammenbruch vermeintlich unbezwingbarer Machtstrukturen überrascht haben.“
Howard Zinn fährt fort: „An der Geschichte der letzten hundert Jahre springt vor allem ihre absolute Unvorhersehbarkeit ins Auge.“ Rebecca Solnit sucht andere Sichtweisen, würdigt die Wege, die von Ideen eingeschlagen werden, und sie hebt hervor, dass Hoffnung fast immer auf dem Erinnern gründet, weil man die Zukunft nicht sehen, aber Muster und Möglichkeiten verstehen kann, wenn man die Vergangenheit kennt. Rebecca Solnit hat Veränderungen in der Gesellschaft, in Politik und Wissenschaft erlebt, die in ihrer Jugend nicht nur als unwahrscheinlich gegolten hätten, sondern geradezu unvorstellbar gewesen wären. Quelle: „Umwege“ von Rebecca Solnit
Von Hans Klumbies
