Es ist allein die Heilserwartung, die uns besser fühlen lässt. Man vermutet, dass dabei Aktivierungsfunktionen unseres Immunsystems eine Rolle spielen. Oder körpereigene Schmerzhemmer, die durch Erwartungskaskaden ausgelöst werden. Matthias Horx ergänzt: „Auch Nocebo-Effekte lassen sich so erklären: Wenn in Experimenten Patienten Pillen zur Verfügung gestellt werden, die starke Nebenwirkungen haben sollen – Übelkeit, Kopfweh, Schwindel, Ausschläge –, dann entwickeln die Probanden solche Symptome, auch wenn sich nur um Zuckerkügelchen handelt.“ In der sich selbsterfüllenden Prophezeiung wirkt die Erwartung auf uns selbst zurück. Die antizipierte Zukunft überschreibt den Gegenwartsstatus, sie „greift“ sozusagen von der Zukunft ins mentale Jetzt. Das erklärt den zähen Glauben an Homöopathie ebenso wie die enorme und bisweilen verstörende Wirksamkeit religiöser Weltbilder. Matthias Horx zählt zu den einflussreichsten Trend- und Zukunftsforschern des deutschsprachigen Raums.
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Passende Bücher bei Amazon findenBeim Enkeltrick halluzinieren die Opfer die Stimme der Enkel
David Robson schreibt: „Unsere eigenen Erwartungen und Überzeugungen, so irrational sie auch sein mögen, beeinflussen unsere Gesundheit, unser Glück und unser Überleben nicht weniger entscheidend. Nehmen wir das Älterwerden: Wenn Sie glauben, dass es sich dabei um einen unvermeidlichen kognitiven Verfall und die Nutzlosigkeit für die Gesellschaft handelt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Sie unter Hörverlust, Gebrechlichkeit oder sogar Alzheimer leiden. Solche Erwartungen sagen ein höheres Maß an Stress und Entzündungen voraus, die wiederum zu einer Reihe von Störungen beitragen.“
Wie weit unser Predictive Coding uns allerdings auch in die Irre führen kann und die Wirklichkeit halluzinieren lässt, zeigt sich auf dramatische Weise beim „Enkeltrick“. Die Betroffenen werden dabei Opfer einer „prognostischen Projektion“. Matthias Horx erklärt: „Genau darauf basiert der Enkeltrick, der in immer neuen Varianten von kriminellen Banden inszeniert wird: Das Hirn sagt etwas voraus und überschreibt den Sinneseindruck.“ Die Opfer halluzinieren die Stimme der Enkel, weil die innere Prognose stärker ist als die Realitätswahrnehmung.
Unser Hirn vergleicht Muster und das ist existenziell
Warum sind Menschen – auch die klügsten und gerade die sensibelsten – zu solchen unfassbaren Selbsttäuschungen in der Lage? Matthias Horx erläutert: „Weil unser Hirn, eingeschlossen in einem harten Schädel in ständiger Dunkelheit, ein Eigenleben führt. Es muss sich einen „Reim“ machen, indem es Muster vergleicht.“ Und dieses Bemühen ist existenziell. Wenn die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, gerät das Hirn ein einen Zustand von Hypersensibilität und versucht mit aller Macht wieder Kongruenz herzustellen – zwischen innerer und äußerer Welt.
Jeder hat schon einmal die optischen Täuschungen erlebt, die dunkle Punkte aufs Papier zaubern, wo keine sind, oder Kreise rotieren lassen, die stillstehen. Matthias Horx stellt fest: „Das sind Voraussagen unseres Hirns, die widersprechende oder unscharfe Wahrnehmungen ausgleichen sollen. Wir alle haben schon einmal über die erstaunlichen Fähigkeiten von Magiern und Illusionisten gestaunt. Dabei haben wir vielleicht sogar gewusst, dass es sich um aufwendige Tricks handelt.“ Aber es ist schön, sich verzaubern zu lassen. Quelle: „Der Zauber der Zukunft“ von Matthias Horx
Von Hans Klumbies
