Als Wissenschaftler beschäftigt sich Matthias Glaubrecht seit dreißig Jahren vornehmlich mit der Evolution und Biosystematik, und das – ausgerechnet – am Beispiel tropischer Süßwasserschnecken. In seiner Arbeitsgruppe, zunächst in Berlin am Naturkundemuseum, dann am Zoologischen Museum in Hamburg, haben sie dahin unbekannte Arten und ihre Vorkommen vor allem in Südostasien und Australien beschrieben und das alte Mysterium Charles Darwins untersucht, wie neue Arten entstehen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. So kurios das im ersten Moment erscheinen mag, an Schnecken lassen sich solche grundsätzlichen Fragen der Biologie ideal erforschen. Und daher sind etwa die Hochlandseen der indonesischen Insel Sulawesi, die Bäche in Thailand un die Flüsse im Norden des australischen Outback jene Orte, die Matthias Glaubrecht aus eigenen Erleben am besten kennt. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
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Passende Bücher bei Amazon findenDer Verlust der biologischen Vielfalt ist eine dramatisch unterschätze Gefahr
Matthias Glaubrecht schreibt: „Diese tropisch-warmen Gefilde und Gebiete in der äquatornahen Zone sind auch jene, in denen es weltweit von den meisten der vielen verschiedenen Arten an Tieren und Pflanzen nur so wimmelt – an Land wie im Wasser, Schnecken eingeschlossen.“ So hat sich Matthias Glaubrecht gefragt, ob es möglicherweise mit diesem spezifischen Forschungsfokus zusammenhängt, dass er den rasanten Verlust der biologischen Vielfalt als eine ebenso akute wie weltweit unterschätzte Gefahr ansieht.
Und eben nicht allein den Klimawandel, den so viele mit dem schmelzenden Eis der Polarregionen und der Gletscher assoziieren. Matthias Glaubrecht betont: „In beiden Fällen sind wir Menschen keineswegs nur Zaungast, sondern zugleich Zeuge und Verursacher, also auch der Grund für den vielleicht größten Rückgang der Biodiversität seit dem Ende der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren. In sämtlichen Lebensräumen weltweit verschwinden einmalige und unwiederbringliche Tier- und Pflanzenformen – und das massenhaft.“
Wir lassen der Natur bei uns keinen Raum mehr
Doch anders als allenthalben angenommen hat dies nichts mit dem Klimawandel zu tun. Dass sich das Klima ändert, steht außer Frage. Matthias Glaubrecht erklärt: „Nur übersehen wir darüber den rasanten Artenschwund, der vor allem durch unsere Bewirtschaftung des Landes verursacht wird. Wenn wir weiterhin sämtliche Lebensräume der Erde übernutzen, insbesondere in den Tropen die Wälder vernichten und die Ozeane plündern, aber auch der Natur bei uns keinen Raum mehr lassen, dann wird die menschengemachte Klimaveränderung kaum noch etwas zur ökologischen Apokalypse beitragen, was die Artenkrise nicht schon mit sich gebracht hätte.“
Wir Menschen sind aufgrund unserer nach wie vor nach oben gerichteten Bevölkerungskurve, unserer Wirtschaftsweise und unseres Umgang mit Ressourcen inzwischen zu einem eigenen Evolutionsfaktor geworden, zum stärksten Treiber sowohl geologischer wie biologischer und insbesondere ökologischer Prozesse. Matthias Glaubrecht weiß: „Das ist der Grund für die aktuelle Artenkrise, ganz unabhängig vom Klimawandel.“ Bildhaft wird dieses Missverständnis um Klima und Arten, wenn wir uns die eindrücklichen Aufnahmen etwa von Eisbären auf winzigen Eisschollen vor Augen rufen. Quelle: „Das stille Sterben der Natur“ von Matthias Glaubrecht
Von Hans Klumbies
