Das schleichende Artensterben bedroht das Überleben der Menschheit

Fokussiert auf die jeweiligen Augenblickskrisen der Zeit leiden wir unter akuter Amnesie, sobald keine direkte Gefahr für unser Wohlbefinden mehr droht. Matthias Glaubrecht warnt: „Und genauso gehen wir auch mit der wohl größten Gefahr für das Überleben der Menschheit um – dem schleichenden Artenschwund und Artensterben, der Krise der Biodiversität, die zunehmend unsere Lebensgrundlagen bedroht.“ Der Mensch ist zu einem Evolutionsfaktor des Lebens auf der Erde geworden. Bedingt dadurch nehmen die Vielfalt und die Vielzahl der Lebewesen auf unserem Planeten in dramatischer Weise ab, und zwar stärker noch, als bisher ohnehin schon vermutet wurde. Demnach sind im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller untersuchten Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.

Die Ökosysteme machen die Erde zu einem bewohnbaren Ort

Jede Art ist ein wichtiger Bestandteil des Werkzeugkastens der Natur, der sich über einen sehr langen Evolutionszeitraum perfektioniert hat. Diese aufeinander abgestimmte Vielfalt an Arten baut sämtliche uns umgebende Ökosysteme auf. Sie sind wie die Maschen eines ökologisches Netzes, die nicht beliebig entfernt werden dürfen, wenn es noch seine Funktion erfüllen soll. Matthias Glaubrecht weiß: „Es sind die Ökosysteme, die diesen Planeten erst zu einem belebten und für uns und andere bewohnbaren Ort im Universum machen – dem einzigen, von dem wir dies mit Sicherheit wissen und sagen können.“

Die Artenvielfalt ist unsere Lebensversicherung. Denn einer funktionierenden Biodiversität in den Böden und der darauf gedeihenden Vegetation, in Gewässern und Meeren verdanken wir sauberes Wasser und Luft sowie sämtliche Nahrungsmittel und unsere Gesundheit. Alles, was wir sind und was wir tun, hängt von der Natur ab. Matthias Glaubrecht klagt an: „Wir sehen zu, wie unsere moderne Zivilisation den Planeten entwaldet, die Ozeane entleert und wie wir Krieg gegen die Natur führen. Wir erleben ein weiteres naturhistorisches Massensterben der Tier- und Pflanzenwelt, das dieses Mal allein menschengemacht ist.“

Wir müssen der Natur wieder mehr Raum geben!

Wie können wir die Krise der Biodiversität noch abwenden und unsere Zukunft gewinnen? Für Matthias Glaubrecht lautet die kurze Antwort auf diese Frage: „Wir müssen der Natur wieder mehr Raum geben!“ An Land wie im Meer müssen wir mehr Fläche unter einen echten Naturschutz stellen. Wir müssen diese Gebiete effektiver schützen und managen und wir müssen degradierte Fläche wieder renaturieren. Dazu braucht es eine groß angelegte und weltweit koordinierte Krisenreaktion.

Matthias Glaubrecht ist vorsichtig optimistisch und hat eine gewisse Zuversicht, dass sich die Krise der Biodiversität durch die Kombination von wirksamen Flächenschutz und Renaturierung der Landschaft anwenden lassen wird. Da wir Menschen zum entscheidenden Faktor in der Umwelt geworden sind, liegt auch der Erhalt dieser Umwelt in unserer Hand. Was wir dazu brauchen, ist überdies ein neues Narrativ – die positive Version einer artenreichen Umwelt, bei der sich der Schutz der Natur mit dem Nutzen für den Menschen verbindet; keine Regelungen, die nur als Verbote und Verzicht wahrgenommen werden, sondern Anreize, Impulse und Leitlinien zu einem besseren Leben für alle.

Das stille Sterben der Natur
Wie wir die Artenvielfalt und uns selbst retten
Matthias Glaubrecht
Verlag: C. Bertelsmann
Gebundene Ausgabe: 221 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-570-10572-6, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies