Das Bildungswesen braucht keine künstlichen Wettbewerbe

Heute wird Bildung generell als etwas Großartiges angesehen, von dem man gar nicht genug bekommen kann. Und alle politischen Parteien sind sich zumindest in einer Sache einig: Investitionen in Bildung beziehungsweise Humankapital sollten möglichst hoch ausfallen. Es herrscht die Meinung vor, dass es ein großer Vorteil ist, Kinder möglichst früh einzuschulen. Umso besser ist es auch, wenn möglichst viele jungen Menschen studieren oder Weiterbildungskurse belegen. Mathias Binswanger fügt hinzu: „Und weil man das glaubt, braucht es natürlich auch künstliche Wettbewerbe, damit sich Menschen immer mehr um Bildung bemühen und sich die Anbieter wie Schulen und Universitäten beziehungsweise die über ihnen stehenden Behörden stets anstrengen, diese Bildung immer noch besser an den Mann und die Frau zu bringen.“ Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen.

Eine Berufslehre sorgt für Qualität im Handwerk und der Produktion

Laut Mathias Binswanger findet deshalb inzwischen ein absurder Wettbewerb zwischen Ländern und Regionen um den Anteil der jungen Bevölkerung statt, die eine tertiäre Ausbildung absolviert. Besonders deutlich spürt man dies seiner Meinung nach in der Schweiz, die bei diesem Wettbewerb notorisch schlecht abschneidet. Denn dort absolviert nämlich nach wie vor ein relativ großer Teil der Jugend eine sogenannte Berufslehre, die über Jahrhunderte eine ausgezeichnete Qualität im Handwerk, in der Produktion und im Dienstleistungssektor hervorgebracht hat.

Mathias Binswanger kritisiert: „Doch echte Qualität lässt sich nicht ermitteln, indem man die Qualität der Bildung mit einem simplen, angeblichen Qualitätsindikator wie dem „Prozentsatz junger Menschen, mit tertiärem Bildungsabschluss“ misst.“ In einem Weißbuch zur „Zukunft Bildung Schweiz“ wurde im Jahr 2009 gefordert, dass die Abiturquote von gegenwärtig etwas über 20 Prozent auf 70 Prozent zu erhöhen sei. Nur noch die schwächsten 30 Prozent der Jugendlichen sollten in Zukunft die Lehrbank drücken.

An den Universitäten herrschen teilweise miserable Studienbedingungen

In diesem Zusammenhang macht es für Mathias Binswanger Sinn, sich einmal zu vergegenwärtigen, was man in der Hirnforschung über die Intelligenz weiß. Für Gerhard Roth, den Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen, ist Intelligenz das Persönlichkeitsmerkmal mit dem höchsten Grad an genetischer Vorbestimmtheit. Mathias Binswanger kommt deshalb zu folgendem Schluss: „Die Zahl der intelligenten Schüler und Studenten ist weitgehend reformresistent und lässt sich durch Umgestaltungen des Bildungssystems nicht erhöhen.“

Mathias Binswanger warnt vor den negativen Folgen möglichst hoher Abiturquoten: „Ein Großteil dieser künstlich hochgezüchteten Schulabgänger macht nachher nie einen Hochschulabschluss und bleibt irgendwo auf der Strecke.“ Eine hohe Abiturquote ist seiner Meinung nach sogar ein hervorragendes Mittel, um die Jugendarbeitslosigkeit zu fördern. Und dann kommt noch etwas Negatives hinzu. Diejenigen, die tatsächlich studieren, müssen dies zum größten Teil unter miserablen Bedingungen tun, unter denen die akademische Bildung zu einem schlechten Scherz verkommt.

Von Hans Klumbies

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