Die Globalisierung beeinflusst die Kulturgeschichte

Die amerikanische Historikerin Lynn Hunt weist darauf hin, dass die Globalgeschichte Gefahr laufe, die kulturgeschichtlichen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zu verspielen. Die kulturtheoretisch geprägte Geschichtsschreibung war in den 1970er Jahren unter anderem aus den Krisen der Modernisierungstheorie hervorgegangen. Die neuen Kulturtheorien unterminierten die Grundannahme, dass die ökonomischen und sozialen Verhältnisse die darüberliegenden kulturellen und politischen Ausdrucksweisen bestimmten. Marin Mulsow stellt fest: „Globalgeschichte ist vornehmlich „harte“ Geschichte: Wirtschaftsgeschichte, Umweltgeschichte, Sozialgeschichte.“ Und genau an diesem Punkt setzt Lynn Hunt mit ihrer Frage an: Welche Konsequenzen zeigt die Herausforderung der Globalisierung für die Kulturgeschichte? Gehen in ihr Einsichten verloren, welche die postmodernen, postkolonialen, kulturalistischen Geschichtsschreibungen schon erreicht hatten? Martin Mulsow ist Professor für Wissenschaftskulturen an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.

Meist denkt man Globalisierung „von oben“ herab

Es gibt ja, so Lynn Hunt, noch kein einheitliches, kohärentes Paradigma der Globalisierung. Meist wird Globalisierung „von oben“ gedacht, von den makroökonomischen Prozessen her. Und zumeist auch von gegenwärtigen Dynamiken, die man dann allenfalls auf ihre Vorläufer hin in die Vormoderne zurückverfolgt. Dagegen haben sich eine Reihe von Ansätzen „von unten“ in Stellung gebracht, bei denen Historiker aus den Quellen heraus die komplizierten und unvorhersehbaren Wege beschreiben, die Globalisierungsprozesse in der Frühen Neuzeit faktisch eingeschlagen haben.

Martin Mulsow erklärt: „Auch die Ideengeschichte hat ihren „cultural turn“ gehabt, wenn auch erst in den späten 1980er Jahren. Wie Peter Burke sagt, ist Intellectual History heute meist eine Art Kulturgeschichte intellektueller Praktiken.“ Sie ist, von einer Elitegeschichte philosophischer Ideen herkommend, durchlässig geworden zu einer allgemeinen Geschichte des Wissens und der Information. Denn sie hat Aspekte der Räumlichkeit, der Materialität oder der Medialität in sich aufgenommen.

Der Trend geht zur Globalgeschichte

Räumlich kann man fragen nach der Topografie der République des Lettres, ihren Netzwerken und Kommunikationswegen, aber auch nach den Räumen des Untergrundes bei verbotenen Wissensformen. Materiell gesehen wandelt sich die Frage nach der radikalen Aufklärung in eine nach der Prekarität des Wissens. Dieses zirkuliert nur mündlich oder in Handschriften und kann dabei verloren gehen. Medial kann philosophische Emanzipation an die parasitäre Benutzung von Literatur oder gar von pornografischen Schriften gebunden sein, um eine größere Verbreitung zu finden.

Intellectual History hatte also teil an der Konjunktur der Kulturgeschichte und teilte mit ihr die Vorlieben des Kleinen, Lokalen und Marginalen. Martin Mulsow ergänzt: „Es sind ebendie Vorlieben, die nun durch den Trend zur Globalgeschichte in Zweifel gezogen werden.“ Mit Lynn Hunt im Hintergrund lässt sich folgende Fragen stellen: Gibt es auch in der Ideengeschichte eine Abkehr vom Kleinen und Kurzfristigen? Gibt es auch hier Renegaten des Kulturalismus? Ja, es gibt sie. Quelle: „Überreichweiten“ von Martin Mulsow

Von Hans Klumbies

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