Kulturen entstehen aus Mythenbildungen

Menschliche Vergesellschaftung ist fundamental fiktional. Derjenige Zusammenhang menschlicher Gruppen, den wir als „Gesellschaft“ oder „Kultur“ anzusprechen gewohnt sind, verdankt sich historisch der Mythenbildung. Markus Gabriel erklärt: „Der Mensch ist ohne das mythologische Bewusstsein seiner Stellung im nicht-menschlichen Kosmos nicht zu verstehen.“ Yuval Noah Harari verspielt diese Einsicht freilich sogleich, indem er eine einseitig naturalistische „Geschichte“ der Menschheit erzählt. Diese wiederholt alle handelsüblichen teleologischen Muster. Diese führen von primitivem Überleben hin in die moderne, europäische Zivilisation und die in seiner Story nicht zufällig in Kalifornien kulminieren. Wie sein wahres Vorbild, Friedrich Nietzsche, bedient er sich der unvermeidlichen Narrativität des menschlichen Selbstseins. Damit will er den Übermenschen vorbereiten. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Geheilt und bestattet wird überall

Yuval Noah Harari arbeitet durch Geschichten geschickt versteckt an der Selbstzerstörung der Menschheit. Dazu passt, dass er die philosophisch unsinnige These propagiert, die neuen Überwachungsapparate der Digitalisierung seine die endgültige Widerlegung des freien Willens und damit der Anfang vom Ende der „liberalen“ Demokratie. Markus Gabriel dagegen ist ein Anhänger des Neo-Existenzialismus, der die Idee einer „höherstufigen Anthropologie“ vertritt.

Diese stützt sich auf die anthropologische Invariante der Unhintergehbarkeit von Menschenbildern. Diese ist die Quelle universaler Geltungen. Markus Gabriel erläutert: „Wo wir Menschen treffen, steuern diese ihre Vergesellschaftung über objektstufige Auffassungen von Leben und Tod und so weiter. Geheilt und bestattet wird überall.“ Dies ist der Ursprung philosophischer Verortungsprobleme. Die Frage, wie Werte, Geist, Bewusstsein, Leben, Schönheit, Zahlen, Farbeindrücke usw. ins Universum passen, wirft ontologische und erkenntnistheoretische Schwierigkeiten ersten Ranges auf.

Die kosmische Perspektive bedroht den Sinn des Lebens

Denn das aktuelle Menschenbild verdankt sich jederzeit dem Umstand, dass die Menschen aus der nicht-menschlichen Umgebung herausfallen. Daran hat auch die moderne Astrophysik nichts geändert, die zum Paradigma der „exzentrischen Positionalität“ geworden ist. Markus Gabriel stellt fest: „Wir entfernen uns selbst ständig aus jedem vermeintlichen Zentrum, in das wir uns einst hineingedichtet haben.“ Diese Selbstbestreitung nimmt in der sogenannten „Moderne“ die Form eines Sinnlosigkeitsverdachts an.

Dieser spitzt sich an dem Gedanken zu, dass das menschliche Leben keinen Sinn haben kann. Dieser transzendiert das Leben in einer wesentlichen Form, weil die Menschen in sich nichts anderes als Sternenstaub sehen. Dieser wird aus kosmischer Perspektive – in den vielzitierten Worten Arthur Schopenhauers – zu „Schimmelüberzug“, der „lebende und erkennende Wesen erzeugt hat. Die Beschreibung des Lebens aus einer kosmischen Perspektive bedroht nur dadurch den Sinn des Lebens, dass sie von Menschen eingenommen wird. Quelle: „Fiktionen“ von Markus Gabriel

Von Hans Klumbies

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