Die Zivilisation ist keine rationale Anordnung

Aufgrund des Zusammenspiels schier unendlich vieler Faktoren im menschlichen Leben kommt es zu Ereignissen, die keineswegs immer und durchgängig absichtlich sind. Die Zivilisation ist keine rationale Anordnung, die irgendjemand am Reißbrett geplant hätte. Markus Gabriel stellt fest: „Jede Verbesserung der sozioökonomischen Lebensbedingungen des Menschen hängt von einer niemals gänzlich durchschaubaren Menge von Umständen ab.“ Dafür gibt es einen einfachen Grund. Die Menschen sind als Lebewesen nämlich mit einer weitgehend nicht intentionalen Umgebung konfrontiert. Die nicht intentionale Umgebung des menschlichen Lebens sind diejenigen Tatsachen, die bestehen, ohne dass jemand vorher ihr Bestehen geplant hätte. Seit 2009 hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Der Mensch besteht aus unberechenbarer Natur

Die menschliche Kulturarbeit, aus der die moderne, technologisch hochgerüstete Zivilisation hervorgegangen ist, besteht darin, diesen Zufallsdruck zu reduzieren und immer mehr Strukturen zu erschaffen, die den Menschen die gefährliche, unberechenbare Natur vom Leib halten. Das Problem dabei ist aber, dass die Menschen selber als Lebewesen aus unberechenbarer Natur bestehen, sodass der nächste logisch aussehende Schritt darauf zielt, den biologischen Körper des Menschen zu überwinden.

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Die Menschen reduzieren den Umweltdruck auf ihr Leben, indem sie Nischen geliehener Intentionalität erzeugen. Sie nisten sich auf diese Weise in ihrer eigenen Kultur ein. Der italienische Philosoph Luciano Floridi bezeichnet dies als „Semantisierung des Seins“. Ihm zufolge reagieren die Menschen als denkende Lebewesen auf die Abwesenheit von Bedeutung in der uns umgebenden Wirklichkeit, indem sie eine Infosphäre ausbilden. Diese ist sozusagen ihre geistige Atmosphäre.

Die Menschen vermeiden den Kontakt mit der Natur

Luciano Floridis Diagnose des Informationszeitalters lautet, dass die Menschen den Ausbau des Bedeutungsnetzwerks heute so weit getrieben haben, dass sie längst mehr Zeit in der Informationswelt als in einer von dieser unberührten Natur zubringen. Den Kontakt mit der Natur vermeiden sie. Die inhumane Natur ist weder der Freund noch der Feind des Menschen. Sie ist das sachliche Vorhandensein von Materialien und Naturgesetzen, an deren Zustandekommen die menschlichen Bedeutungserwartungen keinen Anteil haben. Darauf aufbauend versteht Luciano Floridi den Sinn des geistigen Lebens als eine Flucht vor der Urangst der Bedeutungslosigkeit der Dinge.

Luciano Floridi erläutert: „Geistiges Leben ist demnach das Resultat einer erfolgreichen Reaktion auf einen ursprünglichen horror vacui semantici: bedeutungsloses Chaos droht, unser Selbst auseinanderzureißen, es in einer entfremdeten Andersheit zu ertränken, die das Selbst als Nichts wahrnimmt.“ Die heute viel gescholtenen Informationsblasen und Echokammern gibt es, seit Menschen in Form der Arbeitsteilung dazu beitragen, dass sich die Menschen gegen die Natur zur Wehr setzen, die sie letztlich mit der nicht lösbaren Aufgabe des Überlebens konfrontiert. Quelle: „Der Sinn des Denkens“ von Markus Gabriel

Von Hans Klumbies