Markus Gabriel stellt Johann Gottlieb Fichte vor

In der Wissenschaftslehre von Johann Gottlieb Fichte gibt es drei Grundsätze. Sie zeigen, worum es beim Ich eigentlich geht. Markus Gabriel erklärt: „Der erste Grundsatz der Wissenschaftslehre lautet: „Ich = Ich“.“ Das sieht auf den ersten Blick trivial aus, ist es aber nicht. Denn man könnte ja meinen, dass man alles mit sich selbst uninformativ gleichsetzen könne. Dies nennt man eine Tautologie. Damit etwas mit sich selbst identisch sein kann, muss es anscheinend überhaupt existieren können. Das Ich bedeutet zunächst nichts weiter als diejenige, derjenige, dasjenige, das etwas weiß. Dies kann man nicht bestreiten. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

Johann Gottlieb Fichte stellt die Idee der absoluten Objektivität auf

Markus Gabriel betont: „Bestreitet man nämlich aus irgendwelchen Gründen, dass es jemanden gibt, der etwas weiß, könnte man selber nicht wissen, dass solche Gründe bestehen.“ Das ist Johann Gottlieb Fichtes abgespeckte Version von René Descartes` Cogito ergo sum: „Ich denke, also bin ich.“ Der erste Grundsatz garantiert also, dass es im Bereich des Wissens mindestens eines gibt, das mit sich selbst identisch ist: das Ich. Der zweite Grundsatz der Wissenschaftslehre lautet in etwas vereinfachter Form: „Ich ist nicht Nicht-Ich“.

Hinter diesem Grundsatz verbirgt sich nun genau die Idee absoluter Objektivität. Alles was nicht jemand ist, der etwas weiß, zum Beispiel Steine, Wiesen, Galaxien und so weiter, kann man unter dem Begriff eines Nicht-Ich zusammenfassen. Dinge oder Tatsachen, die es nur gibt, wenn jemand etwas über sie weiß, gehören nicht zu dieser Kategorie. Johann Gottlieb Fichte nennt diese Kategorie auch „Natur“. Er war nicht der Meinung, es gebe die Natur einfach so, sondern dachte, der Begriff der Natur als Gesamtheit alles Nicht-Ich-Artigen sei ein Abstraktionsprodukt des Ich.

Das Ich wird der Natur radikal entgegengesetzt

Zwar war es eigentlich Johann Gottlieb Fichtes Absicht, auf diese Weise das Ich vor der Natur sozusagen zu retten. Allerdings hat er damit umgekehrt die Natur vollkommen von Ich-Spuren bereinigt, so dass es anschließend nicht mehr einsichtig war, wie das Ich wieder jemals zur Natur gehören könnte. Das Ich hat sich auf diese Weise radikal der Natur entgegengesetzt, so dass die Versuchung naheliegt, es dann im nächsten Akt auch gleich ganz aus dem Bild zu streichen. Genau dies schwebt dem Neurozentrismus vor, der den Anschein des Ich wegerklärt, indem er alles Ich-Förmige in die Sprache der Neurochemie oder der Evolutionspsychologie zu übersetzen versucht.

Genaugenommen gibt es aber bis heute keine einheitliche Theorie der Natur, die als irgendeine besondere Naturwissenschaft anerkannt wäre. Nicht einmal die Physik leistet das. Die Idee absoluter Objektivität ist ein Abstraktionsprodukt, das sich dadurch ergibt, dass die Menschen von sich selbst bei einer Untersuchung absehen. Damit verschwinden sie aber nicht, sondern halten sich nur aus dem Bild raus, das sie sich von einer Sachlage machen. Die amerikanischen Philosophen Thomas Nagel und John Searle haben darauf hingewiesen, dass das Ideal der Objektivität von einem Standpunkt aus formuliert wird, der selber nicht absolut objektiv sein kann. Quelle: „Ich ist nicht Gehirn“ von Markus Gabriel

Von Hans Klumbies

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