Pauline Voss erklärt: „Es schmälert die Macht der Überwachung nicht, dass nicht jeder Verstoß gegen die Regeln der politischen Korrektheit geahndet, dass nur ein Bruchteil davon überhaupt entdeckt wird.“ Michel Foucault schreibt über das Panopticon: „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist.“ Im Grunde ist es gleichgültig, ob in einem bestehenden Augenblick der Überwachungsturm besetzt ist oder nicht; allein die Tatsache, dass der Häftling überwacht werden könnte, zwingt ihn zu permanentem Gehorsam. Das heute vielfach vorgebrachte Argument, dass es, gemessen an der Menge aller öffentlichen Äußerungen, nur sehr wenige Fälle von Cancel Culture gibt, zielt daher ist Leere. Es ist gerade diese Unberechenbarkeit, die den Einzelnen dazu zwingt, permanent die eigene Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, oder in den Worten von Michel Foucault: die Zwangsmittel der Macht gegen sich selbst auszuspielen. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Sprache mancher Menschen unterwirft sich den Regeln der Korrektheit
So wird der Einzelne zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung: Verzicht und Selbstkontrolle sind seine Ideale. Pauline Voss ergänzt: „Seine Sprache unterwirft er selbst dann den Regeln der Korrektheit, wenn er damit den Sinn entstellt. Bereitwillig lässt er sich diktieren, zu welchen Themen er grundsätzlich den Mund halten soll, weil er als persönlich nicht Betroffener kein Recht habe zu urteilen.“ Dazu kommt, dass Institutionen und Behörden auf direktem oder indirektem Wege Verhalten und Sprache der Bevölkerung normieren.
Auf Dauer braucht es gar keine Missbilligung mehr, um uns auf politisch korrekten Kurs zu halten. Pauline Voss erläutert: „Es reicht aus, dass jemand über seinen eigenen umweltbewussten Lebensstil spricht, um uns die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben.“ Oder das jemand uns im Wettrennen um korrekte Sprache voraus ist und eine neue noch korrektere Wortschöpfung kennt. Denn in jedem neuen Wort steckt auch die Unterstellung, dass das alte Wort diskriminierend sei.
Die Macht ist eine funktionierende Maschinerie
Längst denken wir im Voraus mit, welche Aussagen oder Ausdrucksweisen auf Ablehnung stoßen könnten. Jetzt ist es nicht mehr das Gegenüber, das uns kontrolliert, sondern wie selbst. Pauline Voss fügt hinzu: „Unsere Loyalität gilt also nicht mehr nur jenen, die die Regeln ausstellen, sondern vielmehr den sich stetig neu konstituierenden Regeln selbst.“ Michel Foucault beschreibt es so: „In einer hierarchisierten Überwachung der Disziplinen ist die Macht keine Sache, die man innehat, kein Eigentum, das man überträgt.“
Michel Foucault fährt fort: „Sondern die Macht ist eine Maschinerie, die funktioniert. Zwar gibt ihr der pyramidenförmige Aufbau einen Chef; aber es ist der gesamte Apparat, der Macht produziert und die Individuen in seinem beständigen und steten Feld verteilt. Das erlaubt es der Disziplinarmacht absolut indiskret zu sein, da sicher immer und überall auf der Lauer ist, da sie keine Zonen im Schatten lässt und da sie vor allem diejenigen pausenlos kontrolliert, die zu kontrollieren haben.“ Quelle: „Generation Krokodilstränen“ von Pauline Voss
Von Hans Klumbies
