Manche Männer schließen sich nicht dem Zeitgeist an

Tobias Haberl schreibt: „In Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ wird der arme Schneiderlehrling Wenzel Strapinski nur seiner edlen Kleidung wegen für eine polnischen Grafen gehalten. In der Gegenwart werden Typen nur ihrer schleimigen Tweeds wegen für Feministen, zeitgemäße oder, noch drolliger: gute Menschen gehalten.“ Im Gegenzug werden Männer, die nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss kommen, sich dem Zeitgeist nicht in sämtlichen Punkten anzuschließen, als vormoderne Trampel diffamiert, die den Sprung in die Gegenwart verpasst haben. Heute gilt: Je temperamentloser ein Mensch, desto wahrscheinlicher wird er befördert, unterstützt, gelikt, während alle, die Vorbehalte gegen die Ödnis allgemeinen Gutmeinens äußern, zurückgepfiffen oder an die Leine genommen werden. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

Der Feminismus boomt auch unter Männern

Im Moment kann man sich kaum retten vor Männern, die ihre vermeintliche Integrität wie eine Trophäe vor sich hertragen, die morgens googeln und abends bügeln, nie laut, aber auch nie originell werden. Tobias Haberl nennt Beispiele: „Männer wie der Hugo-Boss-CFO Yves Müller, der mit einer Kordelzughose zur Bilanzpressekonferenz kommt und erklärt, er sei fluide gekleidet. Der kanadische Premier Justin Trudeau, der öffentlich um Entschuldigung bittet, wei er sich vor zwanzig Jahren als dunkel geschminkter Aladin verkleidet hat.“

Zu dieser Sorte Männer zählt auch Oliver Bierhoff, der sagt, es sei nicht auszuschließen, dass der Nachfolger von Jogi Löw auch eine Frau hätte sein können, obwohl, wenn wir für drei Sekunden ehrlich sind, genau das noch ausgeschlossen ist. Tobias Haberl stellt fest: „Man kann es nicht anders sagen: Diese Männer wollen für ihre Äußerungen geliebt, befördert oder zumindest nicht abgesetzt werden. Der Feminismus hat sich auch unter Männern zu einem profitablen Label entwickelt und die korrekte Haltung in Wertefragen zur wertvollsten Währung in der Bekenntnishölle der sozialen Netzwerke.“

Der Mensch des 21. Jahrhundert fordert Haltung

Leider zählt die Verpackung mehr als der Inhalt, der Effekt mehr als aufrichtige Gewissensprüfung. Tobias Haberl ergänzt: „Es ist ein Überbietungswettbewerb im Korrektsein entstanden, in dem differenziertes Denken nicht nur nicht goutiert wird, sondern stört, und nicht wenige Männer zeigen auf Twitter mit dem Finger auf andere, während sich ihre Lust auf autoritäres Verhalten immer dann Bahn bricht, wenn keiner hinschaut – oder alle hinschauen und trotzdem nichts sehen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Der Mensch des 21. Jahrhunderts fordert Haltung, am liebsten in sozialen Medien, dabei sind viele, die ihre vermeintliche Toleranz zu eine florierenden Marke entwickelt haben, nicht nur als Schönfärber in eigener Sache unterwegs, sie unterbieten auch regelmäßig ihre eigenen Ansprüche. „Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“ hat der Soziologe Ulrich das vor fünfunddreißig Jahren mal genannt. Viele Unternehmen präsentieren sich als jung, dynamisch und mit Gratis-Smoothes, rekrutieren aber immer noch homogene Mitarbeiter. Quelle: „Der gekränkte Mann“ von Tobias Haberl

Von Hans Klumbies