Die Grundthese, auf der die Politische Ökonomie beruht, lautet, dass jeder Mensch egoistisch ist, oder zumindest eigennützig. Ben Ansell ergänzt: „Es gibt vieles, was Sie sich wünschen, und Sie werden Ihr Möglichstes tun, um es zu erreichen. Eigeninteresse herrscht überall. Es erklärt, warum wir so handeln, wie wir es tun. Und warum wir davon ausgehen sollten, dass auch andere so handeln.“ Manche Menschen mögen einwenden, dies sei eine sehr zynische Weltsicht. Doch sich mit Eigennutz auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, ihn zu billigen. Es ist gewiss kein moralischer Kompass, nach dem man sein Leben ausrichten sollte. Eigennutz ist vielmehr ein nützliches Analysewerkzeug: die Grundlage der Theorien, die wir entwickeln, um menschliches Verhalten zu erklären. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
In einer idealen Welt treffen Menschen die bestmögliche Wahl
Die Politische Ökonomie nutz das Modell des Eigennutzes nicht nur zur Beschreibung, Erklärung und Vorhersage individuellen Verhaltens, sondern auch, um Regierungen politische Strategien zu empfehlen – eine Politik, die das Leben aller verbessert, obwohl jeder von uns Eigeninteressen verfolgt. Ben Ansell fügt hinzu: „Eine Fokussierung auf Eigeninteressen bedeutet, die Welt als eine Welt aus Individuen zu begreifen. Statt von Klassen, Kulturen oder anderen Gruppen zu sprechen, beginnen wir beim einzelnen Menschen und bauen darauf auf.“
Schließlich haben Gruppen keinen eigenen Willen. Aber Individuen haben einen eigenen Willen. Wir haben Präferenzen. Ben Ansell erklärt: „Es gibt Dinge, die wir mögen, und solche, die wir ablehnen, und wir können unsere Präferenzen gewichten. Entsprechend versuchen wir zu taxieren, wie sich das gewünschte Ergebnis erreichen lässt.“ In einer idealen Welt treffen wir die „bestmögliche“ Wahl. Mathematisch gesprochen, maximieren wir unser Glück entsprechend unserer Optionen, indem wir die Wahl treffen, die uns den höchsten Nutzen bringt.
Menschen können sich nicht alle ihre Wünsche erfüllen
Wir verfügen also über eine Reihe von Präferenzen darüber, was passieren soll oder was wir erreichen wollen. Und wir entscheiden uns für die Möglichkeit, die uns am besten gefällt. Das ist das Konzept des Eigennutzes. Ben Ansell stellt fest: „Die wichtigsten Erkenntnisse der Politischen Ökonomie ergeben sich aber nicht allein aus der Annahme, dass Menschen Präferenzen besitzen und die gewünschte Option wählen. Das würde zu der recht geistlosen Erkenntnis führen, dass Menschen möglichst viel von allem wollen.“
Menschen stoßen immer an eine Grenze, die sie daran hindert, genau das zu bekommen, was sie wollen. Ben Ansell erläutert: „Diese Grenze kann physisch sein – es gibt nur eine begrenzte Menge Erdgas oder Gold auf dem Planeten Erde. Sie kann institutionell sein – ich könnte mein Einkommen dadurch maximieren, dass ich alle Banken des Landes ausraube, doch dabei werde ich es mit Strafverfolgungsbehörden zu tun bekommen, die mich davon abhalten, mein Ziel zu erreichen.“ Quelle: „Warum Politik so oft versagt“ von Ben Ansell
Von Hans Klumbies
