Länder orientieren sich außenpolitisch an ihren nationalen Interessen

In der Außenpolitik dominieren oft kurzsichtige nationale Interessen in einem solchen Ausmaß, dass die großen Probleme der Welt dahinter verblassen. Richard David Precht nennt ein Beispiel: „So etwa rückt der afrikanische Kontinent gegenwärtig nicht deshalb in den Fokus, weil die Klimakatastrophe dort Fürchterliches anrichtet, das unseren Humanismus erfordert. Vielmehr wird Afrika heute deshalb „wichtig“, weil der Kontinent über die von den Industrieländern dringend benötige Rohstoffe verfügt, die nicht in die Hand Chinas fallen sollen, sondern in ehe der USA und Europas.“ Wohlgemerkt: Dass Länder sich außenpolitisch an ihren nationalen Interessen orientieren, ist weder befremdlich noch verwerflich. Bedrückend ist etwas anderes, nämlich, dass diese verständlichen nationalen Interessen nicht im Kontext des großen Ganzen gesehen werden. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Seit dem Jahr 1971 lebt die Menschheit über ihre Verhältnisse

Wirtschaftsfragen erscheinen seltsam dekontextualisiert von ökologischen, sozialen und politischen Folgeschäden, die am Ende heftig auf uns zurückschlagen. Richard David Precht erklärt: „Und die Vorstellung, dass unsere nationalen Interessen ihre moralische Legitimität daraus ziehen, dass wir ja schließlich die Guten sind, ist ein eklatanter Selbstbetrug.“ Im Hinblick auf die Folgen unserer Lebensweise, unseren ökologischen Fußabdruck, sind die westlichen Industrieländer nicht ansatzweise die Guten, sondern, ganz nüchtern festgestellt, die Schlechten schlechthin.

Dass seit dem Jahr 1971 die „Menschheit“ über ihre Verhältnisse lebt, dass sie mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als sich regenerieren können, ist gewiss nicht allen Menschen anzulasten. „Wenn alle Menschen so lebten wie die Europäer“, folgert das Global Footprint Network, „wären fast drei Erden notwendig, um den Ressourcenverbrauch nachhaltig zu ermöglichen. Wenn alle Menschen so lebten wie die Nordamerikaner, wären es sogar knapp fünf Erden.“

Die Selbstklassifizierung als „gut“ bringt niemanden einen Moralvorsprung

Richard David Precht stellt fest: „Dass Industrieländer wie Deutschland sich unter solchen Voraussetzungen ohne Einschränkung zu den „Guten“ in der Welt zählen, ist also nur mit einer gehörigen Dosis Realitätsverlust denkbar.“ Zudem bringt die Selbstklassifizierung als „gut“ niemandem einen Moralvorsprung. Für die „Guten“ halten sich bekanntlich alle Länder der Welt, einschließlich ihrer Politiker, die anders als die allermeisten Menschen sich für die „Guten“ halten.

Unter Kritik von außen verstört zu sein und sich nicht für „gut“ halten zu können, ist ein Zustand, den die meisten nicht lange aushalten. Sozialpsychologen sprechen hier von einer „kognitiven Dissonanz“. Richard David Precht erläutert: „Konfrontiert mit Kritik, behelfen wir uns mit einem ganzen Arsenal von Tricks, um unser Selbstbild wieder zu harmonisieren: Wir qualifizieren den Menschen, der uns kritisiert, ab, halten uns in der betreffenden Sache nicht für zuständig oder verweisen auf andere, die es ja schließlich auch nicht besser machen, sondern viel schlechter.“ Quelle: „Das Jahrhundert der Toleranz“ von Richard David Precht

Von Hans Klumbies