Krisen schmerzen und erzeugen ein Gefühl von Ohnmacht

Wir erleben Krisen in erster Linie aus Ausbruch von Dysfunktionalitäten. Dinge, deren Ablauf geregelt schien, geraten außer Tritt. Konrad Paul Liessmann nennt Beispiele: „Der Körper funktioniert nicht mehr, das Bildungssystem funktioniert nicht mehr, die Wirtschaft funktioniert nicht mehr, der Staat funktioniert nicht mehr.“ Wer sich wegen einer Erkrankung vor Schmerzen krümmt, nach einer Trennung dem Alkohol verfällt, als Lehrperson angesichts chaotischer Zustände nicht mehr unterrichten kann, wer glaubt, nur noch durch Korruption bei Behörden Gehör zu finden, und zusehen muss, wie die Inflation seine Ersparnisse auffrisst, erlebt sich in einem Krisenmodus. Die Krise ist unerwünscht, sie schmerzt, und sie erzeugt das Gefühl von Ohnmacht. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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„Was nun?“ markiert den innersten Kern jeder Krisenerfahrung

Zu einer signifikanten Krisenerfahrung gehört deshalb eine momentane Rat- und Orientierungslosigkeit, die sich dramatisch auswirkt. Die Frage, die sich in jeder Krise stellt, lautet: Was nun? Wenn sich diese Frage in all ihrer schmerzhaften Bedeutung aufdrängt, handelt es sich um eine Krise. Konrad Paul Liessmann erklärt: „Dieses unerbittliche „Was nun?“ markiert den innersten Kern jeder Krisenerfahrung, von den alltäglichen Verunsicherungen bis zu den globalen Verwerfungen.“ Wer sich ohne Navigationsgerät in einer fremden Stadt verfahren oder verlaufen hat, wird sich diese Frage ebenso stellen wie der Politiker, der keine Ahnung hat, wie man explodierende Energiepreise in den Griff bekommt.

Menschen, die angesichts unvorhergesehener Ereignisse sofort wissen, was zu tun ist, empfinden die Krise nicht als Krise. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Das führt uns zu einem seltsamen Paradox. Nicht selten sind diejenigen, die eine Krise diagnostizieren – man denke an Oppositionspolitiker –, die Gleichen, die vorgeben, genau zu wissen, was zu tun wäre.“ Wer heute die Klimakrise oder eine Krise der Demokratie verkündet, hat meist genaue Vorstellungen davor, wie diese Krise bewältigt werden könnte.

Bei einer Krise kann es sich um eine entscheidende Zäsur handeln

Doch ihm fehlen – so wird gerne suggeriert – lediglich die Mittel und Möglichkeiten dazu. Es gehört zum Begriff der Krise als eines Wendepunktes, einer entscheidenden und scheidenden Zäsur, dass sie zeitlich limitiert ist. Konrad Paul Liessmann fügt hinzu: „Eine Krise erfordert irgendwann eine Intervention, eine Handeln, einen Eingriff, einen Versuch. Im Diagnostizieren einer Krise steckt schon die implizite Aufforderung zum Handeln.“ Die Zeiten der Krise sind oft Zeiten der autoritären Versuchung.

Diese Interventionen können erfolgreich oder erfolglos sein, sie können ein System nach einer chaotischen Phase wieder stabilisieren, vielleicht verbessern, auf neue Fundamente stellen, durch etwas anderes ablösen, eine Transformation einleiten und eine Metamorphose ermöglichen, oder sie können scheitern und sowohl für Individuen als auch für soziale System ein Ende bedeuten. Ob eine krisengeschüttelte Partei zu neuen Ufern aufbrechen kann oder sich auflöst, wird sich weisen – beides ist am Höhepunkt der Krise noch denkbar. Quelle: „Was nun?“ von Konrad Paul Liessmann

Von Hans Klumbies