Krisen erscheinen als Störung oder als Zusammenbruch

Konrad Paul Liessmann erklärt: „Im ökonomischen, politischen und sozialen Bereich stellen Krisen die kurzfristige Störung oder den Zusammenbruch bisher funktionierender Ordnungen dar, aus denen nach einer mitunter chaotischen Phase eine neue, im Idealfall stabilere Ordnung entsteht.“ In der Nachfolge einer marxistisch inspirierten Geschichtsphilosophie war dies eine gängige Lesart der Krise. Bei Antonio Gramsci heißt es: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ Im Gegensatz zu Hippokrates bedingt in dieser Deutung nicht die Krankheit die Krise, sondern die Krise führt zu einer Phase der Unsicherheit. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

Wir taumeln von einer Krise in die nächste

Es entsteht dabei eine politische, soziale und ökonomischen Zwischenzeit, aus der sich allerdings das Neue, das Bessere, wenn auch unter Schmerzen, herausbilden wird. Konrad Paul Liessmann ergänzt: „Die Vorstellung, dass zwar das Alte in eine Krise geraten kann, das Neue aber ausbleibt oder sich als nicht tragfähig erweist war in diesem Konzept nicht vorgesehen.“ Im Falle der kommunistischen Gesellschaften Osteuropas hat die Geschichte selbst Antonio Gramscis optimistische Annahme widerlegt.

Erfolgsgarantie gibt es also keine, und wir taumeln von einer Krise in die nächste. Wie in einem individuellen Leben können im Extremfall sogar Institutionen an einer Krise scheitern und diese nicht überleben. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Das wird als besonders prekär erlebt, da Institutionen erfunden worden sind, im den Einzelnen und Gemeinschaften vor Krisen zu schützen. In Zeiten der Krise gewinnen deshalb Konzepte an Attraktivität, die ein radikales und sofortiges Eingreifen ankündigen.“

Positive Veränderungen erleben Menschen als Stimulus

Wann jedoch ist die Differenz zwischen einem Davor und Danach so signifikant, dass man von einer Krise sprechen kann? Denn Leben bedeutet in all seine individuellen und sozialen Formen stete Veränderung. Konrad Paul Liessmann fügt hinzu: „Nicht jede dieser Veränderungen, die wir etwa im normalen Prozess des Älterwerdens und Alterns, in der Karriere, im Laufe einer Beziehung erleben, verstehen wir als Krise.“ Und selbst wenn Veränderungen plötzlich auftreten, muss das nicht mit einem Krisenbewusstsein verbunden sein.

Werden diese Veränderungen positiv konnotiert – man denke an einen Glücksfall, eine aufregende Begegnung mit einem Menschen oder eine hilfreiche Erfindung –, erleben wir diese eher als Stimulus, als Bereicherung, als neuen Option und weniger als Krise. In einer wahrhaftigen Krise bricht etwas zusammen, von dem man nicht wollte, dass es zusammenbricht. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Solche Verwerfungen zeitigen sowohl für den Einzelnen als auch für Kollektive wie Institutionen oder Systeme negative Folgen. Quelle: „Was nun?“ von Konrad Paul Liessmann

Von Hans Klumbies