Kreativität der zweiten Stufe verändert unsere Vorstellung von der Welt

Kreativität erster und zweiter Stufe beruhen auf ähnlichen geistigen Vorgängen. Stefan Klein erklärt: „Der große Unterschied ist, dass Kreativität zweiter Stufe sich um Lösungen auf einer höheren Ebene bemüht. Kreativität erster Stufe will die Antwort auf eine Frage auf möglichst direkten Weg entdecken, Transformation dagegen spielt über Bande. Sie ringt um Konzepte, sucht also nach Werkzeugen für den Verstand. Kreativität zweiter Stufe verändert unsere Vorstellung von der Welt.“ Die Revolution der Physik im vorigen Jahrhundert bietet eines der besten Beispiele dafür, wie Kreativität zweiter Stufe, Transformation, vorgeht und wirkt. Man kann die Folgen des neuen Denkens, das sich von 1900 bis 1935 entwickelte, kaum überschätzen. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

Die Revolution in der Physik hat unser Weltbild völlig verändert

Es hat nicht nur unser Weltbild, sondern auch fast alle Lebensbereiche völlig verändert. Stefan Klein stellt fest: „Die neue Physik bescherte der Menschheit Computer, das Internet und Solarzellen, die Mondflüge und die Atombombe, die Entschlüsselung des Genoms und das Wissen um schwarze Löcher.“ Hätte irgendjemand diese Entwicklung vorhersagen können? Nicht einmal Wissenschaftler, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts an vorderster Front forschten, erwarteten einen Umbruch – geschweige denn solche Dramatik.

Ganz im Gegenteil: Man war sicher, dass in der Physik alles beim Alten bleibt. „Die großen grundlegenden Prinzipien sind fest etabliert. Künftig wird man die Wahrheiten der Physik auf der sechsten Nachkommastelle suchen“, erklärte der Amerikaner Albert Michelson in einer Rede 1894. Dass ausgerechnet er so fest an das Bestehende glaubt, wirkt rückblickend erstaunlich. Stefan Klein weiß: „Mit seien Messungen der Lichtgeschwindigkeit, für er auch den Nobelpreis erhielt, gab Michelson den Anstoß für die Relativitätstheorie.

Licht dachte man sich an der Schwelle zum 20. Jahrhundert als Welle

Weitere Widersprüche taten sich auf, als Physiker sich der Welt der Atome zu nähern begannen. Stefan Klein erläutert: „An der Schwelle zum 20. Jahrhundert vermutete man, dass die Materie aus Teilchen zusammengesetzt sei, wenngleich man über diese so gut wie nichts wusste. Licht hingen dachte man sich als Welle. Für beides gab es gute Gründe.“ Wenn sich beispielsweise Lichtstrahlen überlagern, entstehen dieselben Muster wie bei der Überlagerung von Wellen im Wasser.

Aber im Jahr 1902 störte ein Effekt, den man den photoelektrischen nannte, die Ordnung. Violettes Licht, das man auf eine Metalloberflache strahlte, schlug dort Elektronen heraus, negativ geladene Teilchen. Stefan Klein fügt hinzu: „Merkwürdigerweise reagierten die Elektronen nur auf diese Farbe. Mit rotem, grünem oder gelben Licht gab es keinen Effekt. Noch rätselhafter war, dass es nicht im Geringsten auf Helligkeit ankam. Ein kümmerliches Lämpchen – nur violett musste es sein – brachte Elektronen mit genauso viel Energie zum Vorschein wie der mächtigste Scheinwerfer.“ Quelle: „Wie wir die Welt verändern“ von Stefan Klein

Von Hans Klumbies