Korruption und Vetternwirtschaft waren in Venezuela weit verbreitet

Hugo Chávez trat sein Amt als Präsident Venezuelas 1998 an, nachdem er im Wahlkampf lautstark einen tiefgreifenden Wandel gefordert hatte. Anne Applebaum stellt fest: „Vierzig Jahre zuvor war die Republik Venezuela, damals der reichste Staat in Südamerika, mit dem Ende der Militärdiktatur zu einer der stärksten Demokratien geworden. Doch wie in so vielen Ölstaaten waren die traditionellen Formen von Korruption und Vetternwirtschaft weit verbreitet.“ Politiker wurden geschmiert im vergaben im Gegenzug Aufträge an ihre Freunde. Als die Ölpreise in den 1990er-Jahren fielen, wuchs der Unmut über dieses Arrangement. Hugo Chávez, der als Oberstleutnant der venezolanischen Armee 1992 einen gescheiterten Putschversuch angeführt hatte, erkannte die Wut der Bürger und nutzte sich für sich. Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.

Hugo Chávez gewann die Wahlen mit dem Versprechen einer ehrlichen Politik

Nach seiner Entlassung aus der Haft trat Hugo Chávez bei den Präsidentschaftswahlen an und gewann mit dem Versprechen, die korrupte „Republik Venezuela“ durch eine ehrliche „Bolivarische Republik Venezuela“ zu ersetzen. Applebaum ergänzt: „Ein Jahr später – Chávez galt noch immer als Reformer – traf er sich zu einem Gespräch mit seinem Geheimdienstchef Jesús Urdaneta. Die beiden Männer hatten sich als junge Offiziere kennengelernt, gemeinsam den Putsch des Jahres 1992 geplant, und nach dessen Scheitern waren sie beide inhaftiert worden. Urdaneta gehörte zum engsten Kreis um Chávez.“

Jesús Urdaneta wandte sich an Hugo Chávez, weil er Beweise hatte, dass auch in der neuen, vermeintlich revolutionären Regierung korrupte Praktiken um sich griffen. Anne Applebaum erklärt: „Regierungsmitglieder fälschten Rechnungen aus Regierungsaufträgen, darunter den Druckauftrag für Millionen von Exemplaren der neuen Verfassung. Wie Urdaneta Jahre später berichtete, drängte der Chávez, diesem Fehlverhalten Einhalt zu gebieten, weil es sonst um sich greifen werde.“

Hugo Chávez verwandelte Venezuela in eine Kleptokratie

Hugo Chávez hörte ihm zu, sagte jedoch nichts. Einige Wochen später forderte er Jesús Urdaneta plötzlich zum Rücktritt auf. Der Oberste Gerichtshof von Venezuela unterband jede Ermittlung wegen Korruption. Wie von Urdaneta vorhergesehen, verstand die Elite die Botschaft: „Wer loyal ist, darf stehlen.“ Anne Applebaum fügt hinzu: „Wie Waldimir Putin traf Hugo Chávez eine Entscheidung. Niemand zwang ihn, Venezuela in eine Kleptokratie zu verwandeln, und selbst der eigene Geheimdienstchef war überrascht, als er dies tat.“

Auch die Kultur, die Geschichte oder die Macht der Gewohnheit nötigen ihn nicht, kleptokratische Praktiken zu akzeptieren. Im Gegenteil, hätte er sich auf die Seite von Urdaneta gestellt und in den staatlichen Institutionen seines Landes für Integrität und Ehrlichkeit gesorgt, dann hätte dies seine Beliebtheit vermutlich noch gesteigert. Seine Regierung hätt einer reellere Chance gehabt, das Leben der Menschen tatsächlich zu verbessern, wie er es versprochen hatte. Quelle: „Die Achse der Autokraten“ von Anne Applebaum

Von Hans Klumbies