Konrad Paul Liessmann entwickelt eine Philosophie der Krise

Konrad Paul Liessmann beschreibt in seinem neuen Buch „Was nun?“ die Omnipräsenz der Krise, die zu einem Merkmal unseres Lebens geworden ist, die uns jedoch vor ein großes Problem stellt: Die Krise ist die Unterbrechung des Alltags, nicht dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Eine Krise ist eine plötzlicher Veränderung, ein dramatischer Einschnitt, das Ende einer gewohnten Lebensform, ein Wendepunkt in einem Prozess, ohne dass klar würde, was nun kommen wird.“ Sie ist zudem eine Phase, in der sich die Dinge scheiden. Dass es in jeder Krise zentral um ein Urteil geht, ist bisher vielleicht unterschätzt worden. Damit ist die juristischen Sphäre des Krisenbegriffs berührt. In jeder Krise geht es auch um Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

Die Krise ist immer die Chance der anderen

Was nun? Das ist die Frage, die sich aus angesichts der Erfolgsmeldungen der künstlichen Intelligenz (KI) stellt. Ein Moratorium fordern die einen, strenge Regeln der anderen, stürmischen Fortschritt die Dritten. Und wie bei jeder Krise stehen dystopische Ängste in Konkurrenz zu den Hoffnungen derjenigen, die auch in dieser Krise ihre Chance auf neue Märkte und einen Wettbewerbsvorteil wittern. Und daran zeigt sich die letzte Paradoxie der Krise. Der Satz, dass in jeder Krise eine Chance läge, stimmt zwar, aber er ist unpräzise formuliert. Eigentlich müsste er heißen: Die Krise der einen ist immer die Chance der anderen.

Es gibt für Wissenschaftler und Intellektuelle gute Gründe, die Berührung mit dem Schmutz des politischen Geschäfts zu vermeiden. Es kann jedoch beunruhigen, mit welch demonstrativer Lust zeitgenössische Aktivisten in diesem Schmutz fühlen. Sie bewerfen Kunstwerke mit Suppe und Brei, sie kleben sich an staubige Straßen, sie beschmieren Fassaden und Denkmäler – so, als wollten sie Theodor W. Adornos These demonstrativ bestätigen: Wir machen uns, um die Welt zu retten, gerne die Hände schmutzig; dafür verzichten wir aus Denken.

In Zeiten der Krise gibt es nichts zu lachen

Im Kapitel „Hass und Hetze“ beschreibt Konrad Paul Liessmann die Krise der großen Gefühle: „Dem Hass könnten wir allenfalls entgehen, wenn wir unsere moralischen Überzeugungen regelmäßig in Frage stellten.“ Frei von Hass wäre vielleicht der moralisch indifferente. Dieser ist aktuell eher selbst zu einem Hassobjekt geworden. Den Hass zu neutralisieren wird nur gelingen, wenn uns klar wir, wie tief wir in dieses Gefühl gerade dann verstrickt sind, wenn wir uns frei davon wähnen.

In Zeiten der Krise gibt es nichts zu lachen. Das führt, neben allen anderen Verwerfungen, zu einer Krise des Humors. Ob und wann man noch lachen darf, ist selbst zu einer Frage geworden, die mit großem Ernst debattiert wird. Vielleicht hilft uns ein Witz weiter, den Sigmund Freud kolportierte: Von manch engagierten, „hochstrebenden“ Menschen kann man sagen: „Er hat ein Ideal vor dem Kopf.“ Hätte unsere Zeit Humor, würde sie diesen Witz selbstironisch als Motto über die meisten Weltverbesserungs- und Weltrettungsdebatten stellen, die wir mit großer Ernsthaftigkeit führen. Dann hätten wir wieder etwas zu lachen.

Was nun?
Eine Philosophie der Krise
Konrad Paul Liessmann
Verlag: Zsolnay
Gebundene Ausgabe: 238 Seiten, Auflage 2: 2025
ISBN: 978-3-552-07572-6, 25,00 Euro

Von Hans Klumbies