Die politischen Parteien sind in eine Krise geraten

Der Bürger, das war einmal der Angehörige eines definierten sozialen Standes mit bestimmten Interessen, Lebensformen und Werten, die sich in einer politischen Partei artikulierten und ausdrücken sollten. Konrad Paul Liessmann fügt hinzu: „Und der Bürger ist das Mitglied einer politischen Gemeinschaft, das je nach Lebenslage, Herkunft, Sozialisation und Perspektiven unterschiedliche, oft divergierende und rasch wechselnde Interessen, Präferenzen und Lebenskonzepte vertritt, die sich nur noch schwer im Angebot einer Partei fassen lassen und zu einer Fluktuation im Bekunden politischer Vorlieben führt.“ Traditionelle Weltanschauungsparteien mit starken Wurzeln in einer bestimmten sozialen Schicht werden mit den offenen und sich rasch wandelnden Konzepten einer Multioptionsgesellschaft konfrontiert. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

Den politischen Parteien brechen die Stammwähler weg

In dieser Gesellschaft der vielen Möglichkeiten sind lange Bindungen ebenso fraglich geworden wie klare, konturierte politische oder moralische Positionen und Konzepte. Mit anderen Worten: Der Hang zu einer eher diffusen, aber breiten Mitte ist unübersehbar, die Profilbildung wird schwieriger. Kurzfristig verschafft dies in Krisensituationen aber radikalen Gruppierungen Erfolge, da diese jene eindeutigen Angebote machen können, zu denen die Parteien der Mitte aus wahlstrategischen Überlegungen und inhaltlicher Unentschiedenheit nicht finden können.

Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Die Partei, die wie der Name schon sagt, einen Teil des politischen Spektrums und damit der Gesellschaft vertritt und diesem Teil – einer definierten sozialen Klasse oder Gruppe – Macht und Einfluss verschaffen will, verbunden mit klaren Vorstellungen, wie das Ganze – der Staat oder die Gesellschaft – organisiert sein und welche Entwicklung dieses nehmen soll, ist als politisches Modell in die Krise geraten.“ Die Politikwissenschaft spricht dann vom Wegbrechen der Kernschichten und Stammwähler.

Das Bürgertum dominiert das 19. Jahrhundert

Und diese brechen nicht nur deshalb weg, weil sie sich in einer Partei nicht mehr wiederfinden können oder durch sie kaum noch vertreten fühlen, sondern auch, weil diese Kernschichten entscheidenden Transformationen unterworfen sind, die ihre Interessenlagen radikal verändern und verschieben können. Konrad Paul Liessmann illustriert das an der Geschichte des Bürgertums und seiner politischen Vertretung. Im Jahre 1789 konstituierte sich das Bürgertum als Dritter Stand und erklärte sich zur Nation.

In dieser Konfiguration dominierte das Bürgertum das 19. Jahrhundert. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es als homogene gesellschaftliche und politische Kraft nahezu verschwunden. Der Historiker Wolfgang J. Mommsen weiß: „Am Vorabend des Ersten Weltkrieges gab es das Bürgertum als besonderen Stand oder als in sich geschlossenen Gesellschaftsschicht nicht mehr.“ Es ist das von Eric Hobsbawn so genannte „lange 19. Jahrhundert“, das man einigermaßen zutreffend als bürgerliches Zeitalter beschreiben kann. Quelle: „Bildung als Provokation“ von Konrad Paul Liessmann

Von Hans Klumbies

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