Kommunikation ist in der Medizin ein entscheidender Heilfaktor

Der Prozess der Selbststeuerung kommuniziert in zwei Richtungen, zum einen nach außen mit dem zwischenmenschlichen Umfeld, zum anderen nach innen mit den biologischen Systemen des Körpers. Joachim Bauer erklärt: „Tatsächlich kann das, was Menschen mit anderen kommunizieren, durchschlagende Wirkungen auf die Biologie des jeweiligen Kommunikationspartners entfalten.“ Kommunikation ist nicht heiße Luft, sondern neben den Interventionen der evidenzbasierten Medizin ein entscheidender Heilfaktor. Medikamente, die von Ärzten in der Klinik über eine Infusion gegeben werden, entfalten beim Patienten eine weitaus bessere Wirkung, wenn der Arzt dem Patienten ausdrücklich sagt, was er gibt und wozu. Eine der stärksten Drogen für den Menschen ist der andere Mensch. Was der Arzt dem Patienten sagt, kann eine Wirkung selbst dann entfalten, wenn kein Medikament gegeben wurde. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

Der Ablauf biologischer Prozesse kann gelernt werden

Da das menschliche Gehirn Kommunikation in Biologie verwandelt, können Worte – dies lässt sich wissenschaftlich einwandfrei nachweisen – auf die gleichen biologischen Rezeptoren einwirken wie Medikamente. Joachim Bauer erläutert: „Worte finden zu den körperlichen Abläufen vor allem dann einen guten Zugang, wenn die an den Patienten gerichteten Ansagen bereits auf einen biologisch vorgebahnten Weg treffen.“ Wer die Effekte zwischenmenschlicher Kommunikation auf die Biologie des menschlichen Körpers in den Bereich der Einbildung verbannen will, liegt völlig daneben.

Der Körper der Menschen ist offenbar in der Lage, die mit bestimmten medizinischen Prozeduren – zum Beispiel mit der Gabe eines echten Medikaments – einhergehenden organischen Veränderungen so abzuspeichern, dass sie sich nochmals abrufen lassen, wenn der Arzt die Prozedur lediglich ansagt. Der Ablauf biologischer Prozesse kann also gelernt werden. Die entscheidende Instanz im Gehirn ist dabei der Präfrontale Cortex. Er ist die entscheidende Schnittstelle zwischen der Kommunikation des Arztes mit dem Patienten einerseits und den im Gefolge im Patienten ablaufenden physiologischen Prozessen andererseits.

Der Präfrontale Cortex hat auch Einfluss auf das Immunsystem

Der Präfrontale Cortex ist in der Lage, das körpereigene Opioid-System zu aktivieren, in dem schmerzlindernde Botenstoffe hergestellt werden können, und alle an der Hervorrufung von Schmerzen beteiligten Hirnzentren zu beruhigen. Joachim Bauer fügt hinzu: „Er hat außerdem Zugriff auf die Angst- und Stresszentren des Gehirns und über Letztere auch Einfluss auf das Immunsystem. Auch das Belohnungssystem mit den dort ausgeschütteten Gesundheits- und Wohlfühlbotenstoffen gehört zu seinem Einflussbereich.“

Worte und Prozeduren, die biologische Abläufe in Gang setzen, müssen nicht unbedingt heilbar sein, sie können auch krank machen. Wie viel Heilpotenzial wird verschenkt, weil Pflegekräfte und Ärzte sich keine Zeit nehmen – oder sich die Zeit aufgrund der ihnen zugemuteten Arbeitsbedingungen gar nicht nehmen können –, das fachlich Gute, was sie für ihre Patienten tun, mit einem dazugehörenden Mindestmaß an Kommunikation zu begleiten? Aber nicht nur der Mangel, auch ungeschickt adressierte Mitteilungen können ungute Wirkungen auf den Patienten haben. Quelle: „Selbststeuerung“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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