Viele Arbeitnehmer nähern sich dem Rentenalter

„Die Natur verabscheut die Alten“, schrieb Ralph Waldo Emerson, als das Industriezeitalter noch in den Kinderschuhen steckte. Nouriel Roubini ergänzt: „Moderne Beobachter kommen zu demselben Schluss, wenn auch aus Gründen, von denen der Denker noch nichts ahnte.“ In den Industrienationen, vor allem in Japan und Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten, nähern sich viele Arbeitnehmer dem Rentenalter. Nouriel Roubini hat nichts gegen das Alter. Kein Mensch entgeht ihm. Aber in Volkswirtschaften, die den Höhepunkt des Wachstums überschritten haben, kann eine alternde Arbeitnehmerschaft eine Verkettung von Problemen mit sich bringen. Mit der Alterung geht die Zahl der nachrückenden Arbeitnehmer zurück, die Investitionen in neue Maschinen sinken und mit ihnen die Produktion. Nouriel Roubini ist einer der gefragtesten Wirtschaftsexperten der Gegenwart. Er leitet Roubini Global Economics, ein Unternehmen für Kapitalmarkt- und Wirtschaftsanalysen.

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Dem sozialen Fortschritt droht ein baldiges Ende

Finanzielle Verpflichtungen – Pensionen und Krankenversicherung – lenken einen immer größeren Anteil des Nationaleinkommens zur älteren Bevölkerung um. Nouriel Roubini fügt hinzu: „Mit der Automatisierung der Produktion und ihrer Verlagerung ins Ausland beschäftigen Industrienationen weniger Arbeitnehmer, die jedoch für eine größer werdende Zahl von Rentner aufkommen muss.“ Wen sich die Entwicklung fortsetzt – und es gibt kein Argument, das dagegen spricht –, dann bedeutet dies das Ende des sozialen Fortschritts, in dessen Genuss seit Jahrhunderten eine Generation nach der anderen gekommen ist.

Nouriel Roubini erklärt: „Aktive Arbeitnehmer werden einen immer geringeren Teil ihres Gehalts für Konsum und Rücklagen ausgeben und – in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen – immer mehr für die Absicherung der Senioren.“ Doch wenn die jüngeren Generationen weniger Geld ausgeben, bremst dies das Wirtschaftswachstum. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, der sich vehement gegen jede Einmischung des Staats aussprach, schlug als einer der Ersten Alarm.

Die offiziellen Schulden entsprechen nicht den wahren Schulden

Schon in den 1980er-Jahren, als noch reichlich Zeit war, warnte er vor der heraufziehenden Krise. Milton Friedman schreibt: „Unser System besteuert Menschen, um Leistungen für die heutigen Empfänger zu bezahlen. Der Wert dessen, was die Empfänger erhalten, übersteigt das, was sie selbst eingezahlt haben. […] Die Einkommenssteuer ist stark gestiegen, doch die Zahl der Empfänger wird im Verhältnis zu derjenigen der Einzahler immer größer. Deshalb haben die Sozialversicherungen solche Probleme.“

Seither hat sich nichts geändert, obwohl immer deutlicher wird, wie real die Bedrohung ist. Nouriel Roubini erläutert: „2012 errechneten die Wirtschaftswissenschaftler Laurence Kotlikoff und Scott Burns in ihrem Buch „The Clash of Generations“ die Differenz zwischen der offiziellen Staatsverschuldung und den wahren Schulden, wenn man die nicht gedeckten Verpflichtungen miteinbezieht.“ Diese Differenz bezeichnen sie als Haushaltslücke. Die offizielle Staatsverschuldung betrug damals ihren Berechnungen zufolge 11 Billionen Dollar, die wahre Verschuldung 211 Billionen Dollar. Sie schlugen Alarm, doch die Politik stellte sich taub. Quelle: „Megathreats“ von Nouriel Roubini

Von Hans Klumbies