Kein Land muss unter einer Autokratie leben

Anne Applebaum betont: „Autokratie ist ein politisches System, eine Methode, die Struktur der Gesellschaft zu gestalten, eine Form der Machtorganisation. Sie ist nicht erblich und wird nicht automatisch von einer bestimmten Kultur, Sprache oder Religion hervorgebracht. Kein Land ist dazu verdammt, für immer unter einem autokratischen System zu leben, genau wie in keinem Land die Demokratie für immer gesichert ist. Politische System verändern sich.“ Als Glasnost Ende der 1980er-Jahre eine öffentliche Debatte in Russland ermöglichte, waren viele Russen überzeugt, ihr Land könne sich verändern, ja, es stehe vor einem positiven historischen Umbruch, vielleicht sogar an der Schwelle zu einer freiheitlichen Demokratie. Die sowjetische Regierungszeitung „Iswestija“ verkündete: „Die lange niedergehaltenen Ideen von Demokratie und Freiheit gewinnen wieder an Dynamik.“ Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.

Ende der 1980er-Jahre diskutierten die Russen über alles

Der Physiker und Dissident Andrei Sacharow sprach von einer „Regeneration“ der sowjetischen Gesellschaft auf einer neuen moralischen Grundlage. Er glaubte, „korrumpierende Lügen, Schweigen und Heuchelei“ könnten ein für alle Mal überwunden werden. Anne Applebaum ergänzt: „Diese Hoffnung war nicht auf die Elite beschränkt. Eine 1989 in der Sowjetunion durchgeführte Umfrage fand keine Hinweise auf eine tief verwurzelte Sehnsucht nach einem Diktator.“

Im Gegenteil hielten es 90 Prozent der Befragten für wichtig, dass die Bürger „ihre Meinung frei äußern“ können. Und nach dieser Überzeugung handelten sie auch. Anne Applebaum erklärt: „Ende der 1980er-Jahre diskutierten die Menschen über alles. Ich erinnere mich an Grüppchen, die debattierend in Parkt zusammenstanden. Alle hatten das Gefühl, dass etwas Großes im Schwange war, und viele glaubten, es werde etwas Gutes sein.“ Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 fand auch die Vorstellung von Wandel durch Handel Zuspruch.

Wladimir Putin machte sich einst für Kleinunternehmen stark

Reformer waren davon überzeugt, ein rascher und umfassender Kontakt mit der Außenwelt werde dazu beitragen, das alte und zerrüttete System der Planwirtschaft zu überwinden und eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung aufzubauen. „Ich war mir absolut sicher, dass wir es schaffen würden“, meinte der russische Wirtschaftswissenschaftler Jegor Gaidar, der eine Politik der „Schocktherapie“ befürwortete. „Ich war mir absolut sicher, dass es gar keine Alternative dazu gab und jeder Aufschub Selbstmord für das Land wäre.“ Aber andere hatten andere Pläne.

Einer davon war Wladimir Putin. Anne Applebaum erläutert: „In einem kurzen, im Februar 1992 entstandenen Dokumentarfilm machte sich Putin, damals stellvertretender Bürgermeister von Sankt Petersburg, für Kleinunternehmen stark.“ Er sagte: „Die Unternehmerklasse soll die Grundlage sein, auf der unsere Gesellschaft als Ganze aufblüht.“ Mit offenbar echter Überzeugung ermunterte er westliche Partner, in die russische Industrie zu investieren. Quelle: „Die Achse der Autokraten“ von Anne Applebaum

Von Hans Klumbies