Julian Barnes hinterfragt die Relevanz von Erinnerungen

Julian Barnes beschreibt in seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“ die Erinnerungen Tony Websters, die in den 60er-Jahren in einer Schule im Zentrum von London ihren Ausgangspunkt beginnen. Der pensionierte Tony Webster erinnert sich an seine Schulfreunde Adrian, Tony, Colin und Alex, mit denen er eine Viererbande bildete. Die Jungs waren hungrig nach Büchern, nach Sex, orientiert an den Maximen der Leistung, aber auch kleine Anarchisten. Während Tony in Bristol Geschichte studiert, wird Veronica Mary Elizabeth Ford für zwei Studienjahre seine Freundin. Auf die beiden trifft wahrscheinlich die Vermutung zu, dass es Menschen gibt, die füreinander geschaffen sind, aber dies nicht wissen. Darum müssen sie in der Folge ihres Lebens viel Leid ertragen.

Tony Webster führt ein durchschnittliches Leben

Obwohl es sich eigentlich um eine traurige Geschichte handelt, versteht es Julian Barnes immer wieder, vor allem in der Beschreibung der Schulzeit, seine Leser zum Lachen zu bringen. Der Autor baut in seinen Text auch immer wieder geschickt Passagen über Philosophie, Literatur und Geschichte ein. So antwortet Adrian zum Beispiel einmal seinem Geschichtslehrer auf die Frage, was Geschichte sei, mit folgenden Worten: „Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.“

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Nach seinem Examen reist Tony ein halbes Jahr lang durch die USA und erfährt nach seiner Rückkehr vom Selbstmord Adrians, der seine Nachfolge als Freund bei Veronica angetreten hatte. Danach verläuft sein Leben scheinbar in ganz geregelten Bahnen. Er heiratet Margaret, macht Karriere, wird Vater, baut ein Haus. Seine Ehe wird geschieden. Jetzt ist er in Pension und hat sich auf einen ruhigen und entspannten Lebensabend eingerichtet.

Die Selbstzensur schützt Tony Webster vor grausamen Wahrheiten

Doch als ihm Veronicas Mutter 500 Pfund und zwei Dokumente vererbt ist es mit dem selbstgefälligen und ruhigen Pensionistenleben vorbei. Bei einem der Dokumente handelt es sich um das Tagebuch des Selbstmörders Adrian Finns. Allerdings weigert sich Veronica es Tony auszuhändigen und behauptet sogar es verbrannt zu haben. Bei einem Treffen übergibt sie Tony einen Brief, indem er Adrian und Veronica, nach seiner Trennung von ihr auf das Gemeinste und Hässlichste beschimpfte. Tonys Selbstzensur hatte diese Erinnerung tief im Leichenkeller seines Unterbewusstseins vergraben.

Beim Nachdenken über dieses Schreiben überfällt Tony eine umfassende Reue über sein gesamtes, doch so erbärmliches Leben. Auf den Wunsch Tonys hin, trifft sich Veronica noch zweimal mit ihm. Beim zweiten Mal zeigt sie ihm einen behinderten Mann mittleren Alters, den er nicht erkennt. Später glaubt er in ihm den Sohn von Veronica und Adrian zu erkennen. Doch wieder täuscht er sich, wie so oft in seinem Leben. Veronica bringt dies in einem E-Mail auf den Punkt. Sie schreibt Tony: „Du kapierst immer noch nichts. Hast du ja nie und wirst du auch nie. Also gib`s auf.“ Erst ganz am Schluss seines spannenden Buchs gibt Julian Barnes das Geheimnis des unbekannten Mannes preis.

Vom Ende einer Geschichte

Julian Barnes

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Gebundene Ausgabe: 182 Seiten, Auflage 5: 2012

ISBN: 978-3-462-04433-1, 18,99 Euro

Von Hans Klumbies