Jürgen Wertheimer stellt das Projekt der Renaissance vor

Das vitale Projekt der Renaissance probte erfolgreich den Aufstand gegen eine Domestizierung und entwarf des Konzept von Individuen, die über die göttlichen und menschlichen Gesetze hinauswuchsen. Später im nervösen 18./19. Jahrhundert wurden diese Entwürfe einmal mehr gebändigt. Jürgen Wertheimer erklärt: „Wie es eigentlich immer um diese Antinomie geht: Das Gesellschafts-Ich im weitesten Sinne steht in höchster Spannung zum Individual-Ich. Wobei manchmal die soziale Seite dominiert wie im Realismus, dann wieder das autonome Ich ins Zentrum tritt wie in der Décadence.“ Bis hin zum Akt des Sich-Ausklinkens aus jeder Form der Wertegemeinschaft, in Sonderheit der demokratischen als einer gleichmacherischen. Moral als sozialer Vampirismus und Décadence als praktizierte Menschenverachtung. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

Friedrich Nietzsche wetterte gegen die notorischen Gutmenschen

Rasch ist man dann mit der Forderung nach dem „neuen Menschen“ bei der Hand. Und legt Hand an. Jürgen Wertheimer ergänzt: „An all jene, die diesem Bilde nicht entsprechen. Ein paar Jahrzehnte später dann stehen mit einem Mal die Ideengeber selbst auf der Todesliste: als Geisteskranke – Entartete.“ Ahnte Friedrich Nietzsche, wen oder was er da heraufbeschwören wollte, als er wortmächtig gegen die „Guten“ wetterte? Er meinte vermutlich damit träge, selbstzufriedene, notorische Gutmenschen.

Und Fridrich Nietzsche lieferte die Blaupause für die Vernichtung Hunderttausender Unschuldiger, wenn er „über die Partei alles Schwachen, Kranken, Missratenen, An-Sich-selber-Leidenden“ delirierte, den Untergang „all dessen was zugrunde gehen soll“ beschwor, weil es hinderlich sei für die Ausbildung eines „stolzen und wohlgeratenen […] zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen“. Auch kluge, selbst sehr kluge Menschen sind vor gravierenden Irrtümern nicht gefeit. So treffend Friedrich Nietzsches verstörende Gesellschaftsanalyse ist, so falsch und verhängnisvoll ist seine Utopie.

Die absolute Autonomie des hermetischen Ich faszinierte die Europäer

Dabei handelt es sich um die Supermenschen und blonden Bestien, die dem Gehirnlabor entsprangen, sein menschen-, volksverachtender Grundgestus. Seine „Moral ist heute Herdentrieb“ mag sich als Aphorismus für viele faszinierend lesen. In seiner Konsequenz kann es tödlich sein. Jürgen Wertheimer stellt fest: „Kein Zweifel: Die Welt war aus dem Gleichgewicht geraten. Das „Ich“ war zum alleinigen Zentralorgan geworden und hatte sich zugleich aufgelöst. Man stützte sich auf ein Fundament, das man im selben Augenblick untergrub.“

Dennoch, das Versprechen einer absoluten Autonomie des hermetischen Ich frappierte Europa. Jürgen Wertheimer erläutert: „Die neue Philosophie des „unrettbar“ gewordenen und dadurch zugleich überhöhten Ich faszinierte die Zeitgenossen, zumal sie mit Entwicklungen vergleichbarer Art auf anderen Gebieten einherging.“ Psychologie – Alfred Adler – und physiologische Medizin – Jean-Martin Charcot – entwickelten neue Theorien des Empfindens, die alle Vorgänge aus der Seele in die neuen „Nerven“ – sensible Wahrnehmungsorgane ohne ethischen Kompetenz – verlegten. Quelle: „Europa“ von Jürgen Wertheimer

Von Hans Klumbies