Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Charles Baudelaire und ihre Nachahmer – sie alle suchten die Provokation. Ihre Wegen kreuzen sich immer wieder. Jürgen Wertheimer erklärt: „Nietzsche hat, wie stets, alles geahnt und die Zusammenhänge freigelegt. Vor allem glaubte er, die schmutzigen Bande zwischen Wagner und Baudelaire erkannt zu haben.“ Ihr mittelbares Zusammentreffen in Paris, Baudelaires enthusiastische Reaktion auf den „Tannhäuser“, all das war aus Sicht Nietzsches kein Zufall. Klammert man für einen Moment Nietzsches strategisches Wüten gegen Baudelaire aus, erkennt man rasch, dass ihre Grundeinstellung dieselbe ist. Beide hassen sie die „Nützlichkeit“ über alles: nützliche Menschen, nützliche Moral, nützliche Kunst. Das Starke, Gefährliche, Satanische fasziniert, das Unnatürliche, Unschöne, Ungute. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Die Wirklichkeit gibt ein vernichtendes Bild ab
Man berauscht sich am Bild ein kraftvoll-archaischen Antike, ganz ohne Winckelmanns „edle Einfalt und stille Größe“. Nichts Akademisches, kein Gipsfigurenkabinett. Jürgen Wertheimer ergänzt: „Friedrich Nietzsches Dionysos scheint Pate zu stehen. Fleisch, Moral, gesunde Instinkte, keine Heuchelei. Freilich ist dies der Bericht über ein „verlorenes Paradies“, ein gewesenes Arkadien.“ Dem lyrischen Ich bleibt nur der Genuss an einem Erinnerungskino. Es schwelgt in Bildern, weit entfernter zwar, aber noch immer lebendiger. Realpräsenz einer körpernahen Illusion.
Umso brutaler der Zusammenstoß mit der Gegenwart, einer in seinen Augen frustrierenden, erkalteten Wirklichkeit. Gedunsene Larven, Einzelteile, Krüppelleiber, Mutterschaft als rassenhygienisches Laster. Ein vernichtendes Bild, vernichtend gezeichnet. Jürgen Wertheimer fügt hinzu: „Das Faszinosum der Morbidität, die latente „Sympathie mit dem Abgrund“ wie Thomas Mann diese Haltung in „Der Tod in Venedig“ nennt. Dieser Todessüchtigkeit ist nichts Romantisch-Wehmütiges mehr eigen – vielmehr bestimmt ein fast aggressives Wüten im skelettösen, moribunden Gesamtzustand der Welt wie der Gesellschaft, den Ton und die Zeichensprache der Bilder.
Das Ich ist nur von relativer Beständigkeit
So jedenfalls präsentiert sich die Stimmung im Ganzen: eine große Trauer, ein großes Verfluchen der Gegenwart, ein teils masochistisches, teil verzweifeltes Schielen nach und spielen mit ruinösen Resten. Jürgen Wertheimer stellt fest: „Unter der Decke des Fortschritts hat sich die Gesellschaft, hat sich das Individuum aus dem Blick verloren.“ In seinen „Analytischen Vorbemerkungen“ stellt der in Wien tätige Naturwissenschaftler und Philosoph Ernst Mach (1838 – 1916) eine Theorie auf, welche die Problematik der Zeit um 1900 auf den Punkt bringt.
Und gleichzeitig das seit Jahrhunderten stabile Verhältnis zwischen innen und außen, dem Ich und der Welt destabilisiert. Unter dem Stichwort „Ich“ heißt es dort: „Als relativ beständig zeigt sich ferner der an einen bestimmten Körper (den Leib) gebundene Komplex von Erinnerungen, Stimmungen, Gefühlen, welcher als Ich bezeichnet wird. […] Allerdings ist auch das Ich nur von relativer Beständigkeit. […] Das Ich ist so wenig absolut beständig wie der Körper.“ Es ist eine Illusion, das Ich sind Empfindungen. Dahinter steckt – nichts. Quelle: „Europa“ von Jürgen Wertheimer
Von Hans Klumbies
