Viele Künstler waren Sprengkraft für ihr System

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire waren – jeder auf seine Weise – Sprengstoff für ihr System, und sie wollten das auch sein. Jürgen Wertheimer fügt hinzu: „Viele anderen spürten und ahnten die Zumutungen und Lügen der etablierten Kultur und reagierten eher indirekt oder verdeckt: E.T.A. Hoffmann, der die unheimlichen Bezirke der schwarzen Romantik ergründete; Honoré de Balzac, der in der Maske des Realisten massive Gesellschaftskritik übte; Theodor Fontane, der die Leer der bürgerlichen Fassadenkultur zugleich aufdeckte und verbarg.“ Auf der weltabgesandten Seite der Wirklichkeit, hinter Marmor und Stuck, begann es seit den verlorenen Revolutionen von 1830 und 1848 zu brodeln. Noch hielt die gründerzeitliche Kulisse aus bürgerlicher Moral, Fortschrittsgläubigkeit und Kommerz. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

Thomas Mann schrieb den Jahrhundertroman „Buddenbrooks“

Alles schien geordnet – doch außer dem Dekor stimmte nichts mehr. Durch feine Haarrisse war ein zersetzendes Gift eingesickert. Jürgen Wertheimer erklärt: „Es ließ Grundelemente des Daseins langsam verfallen: Wörter, Werte, Normen – das Konzept vom Ich, das Konzept vom Du. So entstand ein inneres Vakuum, das nur noch durch eine – perfekte – Hülle und Hülse zusammengehalten wurde.“ Wer sich zur guten Gesellschaft zählte, kleidete sich sorgsam fünfmal am Tag um und arrangierte dazu die jeweils passende Gefühle. Man investierte seine gesammelten Energien ins – Dekor.

Jürgen Wertheimer blickt zurück: „Es ist nun mehr als 120 Jahre her, dass ein Buch entstand, das den Anfang vom Ende vorwegnahm. 1901 erschien der Jahrhundertroman „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ von Thomas Mann, in dem er das allmähliche Korrodieren, Implodieren, Zusammenbrechen der bürgerlichen Kultur veranschaulicht: die genaue Besichtigung eine Zeitalters, des 19. Jahrhunderts.“ Wahrhaft keine Mahlzeit für zartbesaitete Ästheten.

Die Zeichen des Niedergangs mehren sich

Man erinnert sich: Die Szenerie ist Lübeck, die Figuren des Romans entstammen gediegensten, hanseatisch-protestantischen Kreisen. Aristokratisch getöntes Patriziertum. Und dennoch spürt man bereits den Kern des anderen, des gefährlichen, asozialen Lebens. Jürgen Wertheimer ergänzt: „Auch politisch gärt es im Zusammenhang mit der 1848er-Revolution, Bankrotte, persönliche Labilitäten tun ein Übriges, die Zeichen des Niedergangs mehren sich.“ Christian Buddenbrook, Bruder des Modellhanseaten Thomas, scheint „aus der Art geschlagen“.

Seine Hände erschienen in einem ungesunden „matten und porösen Weiß“, Symptome rätselhafter Krankheiten treten auf, ungesundes Kunstinteresse regt sich, Theateraffären, Kaschemmenkontakte – Versuche, aus der Welt der Konsuln und Senatoren, der Handelshäuser und Kontore auszubrechen. Jürgen Wertheimer erläutert: „Christian gehört zu jenen „Kolonisten“, die mit verworrenen Vorstellungen ausziehen und gebrochen zurückkehren werden. Auf Umwegen landet er in Valparaíso, damals ein Welthafen. Der Panamakanal existiert noch nicht, und die Stadt schwappt vor englischen und hanseatischen Kaufleuten nur so über.“ Quelle: „Europa“ von Jürgen Wertheimer

Von Hans Klumbies