Die Französische Revolution war einzigartig

Jürgen Wertheimer schreibt: „14. Juli – Sturm auf die Bastille – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – Terror – Guillotine! Kaum ein historisches Ereignis hat sich derart fest in das kulturelle Gedächtnis Europas, da, der Welt, eingebrannt, wie das der Französischen Revolution.“ Für Viele ist sie bis heute Synonym für das Phänomen „Revolution“ schlechthin. Im Guten wie im Schlechten. Diese Revolution stand nicht einfach für Revolte, wilden Aufstand, Putsch. Sie war zwingende Konsequenz eines langwierigen gedanklichen Entwicklungsprozesses. Der 14. Juli wäre ohne diesen gewaltigen ideellen Überbau wirkungslos verpufft oder kurzerhand zusammengeschossen worden. Dies hatte man bei unzähligen Hungerrevolten seit je getan. Es gibt diverse Theorien klimakundlicher, ökonomischer und soziologischer Art, die das Phänomen dieser Revolution auf Ernteausfälle oder eine massive Finanzkrise zurückzuführen versuchen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

Die verzweifelten Massen waren zur Gewalt bereit

All das mag zum Teil zutreffen und sicher eine auslösende Rolle gespielt haben. Die Gründe, weshalb diese Revolution solch eine herausragende Bedeutung erlangen sollte, liegen jedoch nicht primär im Bereich der sozioökonomischen Konditionen. Sie sind vielmehr ihrer kommunikativen und visuellen Präsentation geschuldet. Darum steht hier das, was man die „Kunst der Republik“ nennen könnte, im Zentrum. Natürlich waren die Unterversorgung der Bevölkerung, der Aufstand der Pariser Bäckerinnen und das indolente Verhalten der Königsfamilie verantwortlich für den Beginn des Aufstands.

Und ohne die verzweifelte Gewaltbereitschaft der Massen, die das verhasste Symbol königlicher Macht, die halb leer stehende Bastille stürmten, hätte es keine „Revolution“ gegeben. Jürgen Wertheimer stellt fest: „Schon hier erwies sich das inszenatorische Geschick der Akteure. Von nur wenigen Soldaten verteidigt, war das Staatsgefängnis vergleichsweise leicht zu nehmen und dennoch von hohem symbolischem Wert. Rankten sich doch um die alte Festung Schauergeschichten über grausame Einkerkerungen und Folterungen.“

Der „Ballhausschwur“ gilt als einer der Gründungsmythen Europas

Die sieben faktisch „Befreiten“ waren freilich keine malträtierten Opfer des Systems, sondern bedeutungslose, gut verpflegte Kleinkriminelle. Aber der Sturm auf die Bastille sollte sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Ebenso wie das des sogenannten „Ballhausschwurs“, der als einer der Gründungsmythen des modernen Europas installiert wurde. Auf Befehl des Königs sollten die Delegierten der Generalstände, die sich dort versammelt hatten, ihre Sitzung auflösen.

Die Vertreter des „Dritten Standes“ – Bürger, Handwerker, Bauern, aber auch Taglöhner und Arbeiter, kurz 95 Prozent der Bevölkerung – hatten es gewagt, Forderungen zu stellen. Jürgen Wertheimer weiß: „Doch in diesem Moment ging es um sehr viel mehr als um Brotpreise, ausbleibende Getreidelieferungen und Hunger – es ging um ein vollständig neues Verständnis der Rolle des Staates und des Volkes.“ Von einem Moment auf den anderen scheint sich eine völlig neue Konstellation eingestallt zu haben. Quelle: „Europa“ von Jürgen Wertheimer

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar