Die Aufklärung ist nicht frei von Widersprüchen

Wie die Aufklärung selbst, ist auch die Person Isaac Newtons nicht frei von scheinbaren Widersprüchen. So studierte beispielsweise derselbe Newton, welcher der Kirche suspekt war und im Ruf des Ketzers stand, intensiv die Bibel. Er hinterließ theologische Manuskripte, die an Umfang alle seine wissenschaftlichen Werke übertreffen. Jürgen Wertheimer stellt fest: „So war der größte Naturwissenschaftler dieses Zeitalters zugleich ein Mystiker.“ Isaac Newton verfasste einen Kommentar zur Apokalypse und behauptete, der darin angekündigte Antichrist sei der römische Papst. Newtons Geist war eine Mischung aus Galileo Galileis Mechanik und Johannes Keplers kosmischen Gesetzen und Jacob Böhmes Gottesglauben. Er wurde nach einer von Staatsmännern, Edelleuten und Gelehrten gehaltenen Trauerfeier auf einer von Herzögen und Earls begleiteten Bahre in der Westminster Abtei zu Grabe getragen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

Der Mensch muss sein eigenes Programm schreiben

Dichter beweihräucherten Isaac Newton in Elegien, und Alexander Pope verfasste die berühmte Grabschrift. Voltaire wurde noch in hohem Alter von Rührung übermannt, wenn er erzählte, dass er in seinem englischen Exil erleben durfte, wie ein Mathematiker mit königlichen Ehren begraben wurde. Isaac Newtons Ruhm wuchs in nahezu unsinnige Höhen. Gottfried Wilhelm Leibniz urteilte, Newtons Beiträge zur Mathematik seien ebenso wertvoll wie alle vorhergehenden Leistungen in dieser Wissenschaft zusammengenommen.

Ob René Descartes, John Locke oder Isaac Newton – sie alle installierten den Menschen als Mechanismus der Aufklärung. Wenn der Mensch auf sich allein gestellt ist, ist er letztlich dazu verpflichtet, sich selbst zu verantworten. Er muss sein eigenes Programm schreiben. Jürgen Wertheimer weiß: „Und darin sind sich alle Aufklärer einig: Aufklärung ist ein Auftrag, nämlich der, sich seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu entziehen.“ Diese Bewegung hat eine gewaltige intellektuelle Energie freigesetzt.

Die Wurzeln der Aufklärung reichen bis in die Antike zurück

Eine Energie, die sich nicht in den wenigen Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts aufgebaut hat. Die Wurzeln dieser europäischen Aufklärungsmentalität reichen weit zurück. Nämlich bis in das Mittelalter der Scholastik, ja bis in die Antike des Aristoteles. Jürgen Wertheimer spekuliert: „Wenn es eine Art kulturelles Gen geben sollte – die Lust am Entfalten von Gegensätzen wäre es. Ebenso wie die Vehemenz, mit der solche Auseinandersetzungen kommunikativ ausgetragen wurden.“

Jürgen Wertheimer nennt ein Beispiel unter Hunderten: Pierre Bayle (1647 – 1706). Sein Weg begann nicht im Reich der Philosophie oder der Naturwissenschaften, sondern mit der Theologie. In seiner Republik der Wissenschaften gibt es anschließend keine Grenzen, vor allem keine Grenzen der Kritik. Schnell wir aus unersättlichem Wissensdurst leidenschaftliches Engagement, aus Engagement Kampf. Sein Werk „Dictionnaire historique et critique“ wurde eine Anklageschrift gegen jede Form der Entmündigung, der Verschleierung und der Lüge. Quelle: „Europa“ von Jürgen Wertheimer

Von Hans Klumbies

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