Beziehungen und nicht Kulturkreise treiben den historischen Wandel voran

Josephine Quinn erzählt in ihrem Buch „Der Westen“ eine Geschichte, die nicht im griechisch-römischen Mittelmeerraum beginnt und dann im Italien der Renaissance wieder auftaucht. Sondern sie folgt den Beziehungen zurück, durch die sich das, was heute der Westen genannt wird, aus der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen entwickelt hat. Gerade weil Gesellschaften miteinander in Berührung kamen, sich vermischten und bisweilen wieder auseinanderentwickelten. Allgemeiner ausgedrückt möchte Josephine Quinn dafür plädieren, dass Beziehungen und nicht Kulturkreise den historischen Wandel vorantreiben. In ihrem Buch vertritt die Autorin die These, dass es nie eine einzigartige, reine westliche oder europäische Kultur gegeben hat. Die Werte, die wir heute westlich nennen – Freiheit, Rationalität, Gerechtigkeit und Toleranz –, sind nicht allein oder ursprünglich westlich. Josephine Quinn ist Professorin für Alte Geschichte an der Universität Cambridge.

Menschen können von ihren erbittertsten Rivalen am meisten lernen

Der Westen selbst ist zum großen Teil ein Produkt langjähriger Verbindungen zu einem weit größeren Netz aus Gesellschaften, im Süden und Norden ebenso wie im Osten. Der in dem Buch „Der Westen“ abgedeckte Zeitraum ist vielmehr eine Ära der Verflechtung, in der Einzelpersonen und Gesellschaften in Bezug zueinander agieren und reagieren. Tatsächlich treten die größten Veränderungen unter Umständen zu Zeiten großer Unruhen und Gegensätze – Migration, Krieg und Eroberung – auf, und Menschen können von ihren erbittertsten Rivalen am meisten lernen.

Josephine Quinns Geschichte erzählt nicht gradlinig die unendliche Ausdehnung zum Beispiel eines sozialen oder wirtschaftlichen Netzwerks, des unaufhaltsamen Vormarsch des menschlichen Fortschritts oder vom „Licht aus dem Osten“, wie manche Gelehrte des 19. Jahrhunderts es nannten, das erst im Westen seine volle Kraft entfaltete. Es gibt Drehungen und Wendungen, Parallelspuren und bisweilen 180-Grad-Kehren. In diesem Buch geht es auch nicht um „Einfluss“, ein allgegenwärtiges, aber sinnloses Konzept, das einen völlig falschen Eindruck vermittelt.

Ein Denken in Kulturen kann kaum irgendetwas erklären

Die Vergangenheit nimmt keinen Einfluss auf die Zukunft: Menschen entscheiden, wie sie das, was sie dort vorfinden, interpretierten, weiterentwickeln oder anpassen. Josephine Quinns stützt sich stark auf aktuelle historische, archäologische und naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse, einschließlich der „Genom-Revolution“ des 21. Jahrhunderts, die unser Verständnis von der menschlichen Mobilität und Vermischung in der Vergangenheit verändert. Aber es widmet sich auch älteren Denkweisen zur Geschichte und der Frage, wie sie gemacht wird, über Reisen, Begegnungen und Beziehungen.

Während des ganzen Zeitraums von rund vier Jahrtausenden reisten Menschen wegen Handel, Diplomatie, Wohlstand, Abenteuerlust und Raubgier über große Strecken. Nicht die Vorstellung von Kulturkreisen hielt sie zurück, sondern die realen Barrieren von Wüsten, Gebirgen und Ozeanen – und sie überwanden sie, weil sie sich nicht damit zufriedengaben, allein zu bleiben. Die Frage, die sich heute stellt, ist nicht, ob die Westliche Zivilisation schlecht oder gut ist, sondern ob ein Denken in Kulturen überhaupt dazu beiträgt, irgendetwas zu erklären. Es ist Zeit, neue Wege zu finden, um unsere gemeinsame Welt zu strukturieren.

Der Westen
Eine Erfindung der globalen Welt. 4000 Jahre Geschichte
Josephine Quinn
Verlag: Klett-Cotta
Gebundene Ausgabe: 684 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-608-96470-0, 38,00 Euro

Von Hans Klumbies