Jonathan Haidt stellt fest: „Der Anstieg von Angst und Depressionen bei Heranwachsenden lässt sich auf kein wirtschaftliches Ereignis und keinen politischen Trend zurückführen, das oder mir bekannt wäre. Zudem ist kaum einzusehen, warum eine Wirtschaftskrise Mädchen stärker treffen sollte als Jungen und Mädchen unter dreizehn stärker als irgendjemanden sonst.“ Eine andere oft gehörte Erklärung ist, die Generation Z sei deshalb so ängstlich und depressiv, weil sie sich wegen des Klimawandels sorgen, der ihr Leben stärker beeinflussen wird als das der älteren Generationen. Jonathan Haidt bestreitet nicht, dass sie sich zu Recht sorgen, doch er möchte darauf hinweisen, dass die einer Nation oder einer Generation drohenden Gefahren historisch gesehen nicht zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Jede Generation wächst während einer drohenden Katastrophe auf
Wenn Länder angegriffen werden, sei es militärisch oder von Terroristen, sammeln sich die Menschen in der Regel um die Flagge und um ihre Mitbürger. Jonathan Haidt ergänzt: „Sie verspüren eine starke Entschlossenheit, die Suizidrate sinkt, und Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die zu Kriegsbeginn Teenager waren, in Laborexperimenten ein höheres Maß an Vertrauen und Kooperation zeigen.“ Wenn sich junge Menschen um ein politisches Ziel scharen, dann fühlen sie sich energiegeladen, nicht entmutigt und deprimiert.
Jede Generation wächst während einer Katastrophe oder einer drohenden Katastrophe auf, von der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Bedrohung durch atomare Vernichtung, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und ruinöse Staatsverschuldung. Jonathan Haidt weiß: „Menschen werden nicht depressiv, wenn sie Gefahren gemeinsam begegnen, sie entwickeln Depressionen, wenn sie sich isoliert fühlen, abgeschnitten, einsam oder nutzlos.“
Aktivismus ist offensichtlich gut fürs Wohlbefinden
Gemeinsame Angst kann Menschen zusammenbringen und sie zum Handel motivieren, und gemeinsames Handeln ist aufregend, vor allem, wenn man persönlich und direkt handelt. Jonathan Haidt erläutert: „In früheren Generationen, so Forschungsbefunde, waren diejenigen, die sich politisch engagierten, glücklicher und energiegeladener als der Durchschnitt.“ „Aktivismus selbst ist offensichtlich gut fürs Wohlbefinden“, meinte Tim Kasser, Co-Autor einer 2009 erschienenen Studie über Studierende, Aktivismus und Lebenszufriedenheit.
Neuere Studien über junge Aktivisten, einschließlich Klimaaktivisten, belegen jedoch das Gegenteil: Um die psychische Gesundheit derjenigen, die heutzutage politisch aktiv sind, ist es schlechter bestellt. Jonathan Haidt fügt hinzu: „Gefahren und Risiken haben die Zukunft schon immer bedroht, doch der Aktivismus dieser jungen Menschen, der vorwiegend in der virtuellen Welt stattfindet, hat offenbar ganz andere Auswirkungen als der Aktivismus früherer Generationen, der vorwiegend in der wirklichen Welt stattfand.“ Quelle: „Generation Angst“ von Jonathan Haidt
Von Hans Klumbies
