Wenige Wochen nach dem Treffen in Jena lud Johann Wolfgang von Goethe Friedrich Schiller für vierzehn Tage nach Weimar ein. Andrea Wulf weiß: „Schiller und Johann Goethe redeten offen über ihre Ideen, Überzeugungen, Methoden und Theorien, sprachen aber auch unverhohlen über ihre Schwierigkeiten und stagnierenden Projekte.“ Schiller fühlte sich so wohl, dass er sogar gut schlief, und Goethe schrieb einem Freund, sein Besucher habe „meine oft stockenden Ideen“ belebt. Johann Wolfgang von Goethe stellte seine naturkundlichen Erkenntnisse vor und hörte aufmerksam zu, als Friedrich Schiller davon sprach, wie eine Erziehung zu Schönheit und Ästhetik eine Freiheit schaffen könne, die stärker sei als jede politische Revolution. Als Autorin wurde Andrea Wulf mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, vor allem für ihren Weltbestseller „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ 2016, der in 27 Sprachen übersetzt wurde.
Friedrich Schiller war begeistert von den „Römischen Elegien“
Sie erörterten Johann Wolfgang von Goethes Studien zur Optik sowie mögliche neue Theaterstücke. Goethe rezitierte auch seine „Römischen Elegien“, eine Zyklus erotischer Gedichte, die er nach einer zweijährigen Italienreise in den späten 1780er Jahren geschrieben hatte. Andrea Wulf erklärt; „In den „Römischen Elegien“ lassen sich Goethes philosophische Überzeugungen erkennen – nämlich der Versuch, die Sinne und den Verstand, das Gefühl und die Beobachtung zusammenzubringen.“
In den Jahren nach seiner Italienreise fügte Johann Wolfgang von Goethe immer wieder neue Verse hinzu und sammelte sie in einer Mappe mit dem Titel „Erotica“. Andrea Wulf ergänzt: „Gelegentlich las er einige davon engen Freunde vor, die ihm aber allesamt abrieten, sie zu veröffentlichen, was sie zu anzüglich waren.“ Friedrich Schiller war begeistert von den Versen und schrieb seiner Frau Charlotte – „Lolo“, wie er sie nannte –, dass sie „zwar schlüpfrig und nicht sehr dezent sind, aber zu den besten Sachen gehören, die er gemacht hat“.
Goethe holte Christiane und den gemeinsamen Sohn zu sich
Die Gedichte von auch Johann Wolfgang von Goethes Liebeserklärung an Christiane Vulpius. Die Weimarer High Society war schockiert, als Goethe die Näherin, die in einer kleinen Manufaktur für künstliche Blumen arbeitete, nach seiner Rückkehr aus Italien zu seiner Geliebten machte. Andrea Wulf fügt hinzu: „Etwas mehr als ein Jahr später, im Dezember 1789, brachte sie den gemeinsamen Sohn August zur Welt. Im Gegensatz zu anderen Männern, die ihre Mätressen und unehelichen Kinder entweder in einem separaten Haushalt unterbrachten oder sie auszahlten, während sie selbst jemand Standesgemäßeren heirateten, holte Goethe Christiane und den gemeinsamen Sohn zu sich.“
Sie lebten glücklich zusammen, blieben aber unverheiratet. Trotz der skandalösen Situation zeigte sich Herzog Carl Augst aufgeschlossen und erklärte sich sogar bereit, Augusts Patenonkel zu sein. Der böse Klatsch und Tratsch verstummte jedoch nicht. Warum war der gefeierte Johann Wolfgang von Goethe so tief gesunken? fragte man sich. Während Friedrich Schillers Besuch blieben Christiane und der vierjährige August meist unsichtbar im hinteren Teil des großen Hauses. Quelle: „Fabelhafte Rebellen“ von Andrea Wulf
Von Hans Klumbies
