Maschinen haben kein Bewusstsein

Joachim Bauer weist in seinem neuen Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“ nach: „Dass Bewusstsein auf Maschinen übersiedeln könnte, ist ein Irrtum. Der lebendige, fühlende Körper ist und bleibt die unersetzliche Voraussetzung für Bewusstsein und wahre Intelligenz.“ Soziale Medien, Online-Videospiele, Chatbots: Die Wucht, mit der digitale Produkte in unseren Alltag eingedrungen sind, ist außer Kontrolle geraten. Die Suchtpotenziale digitaler Angebote gefährden unser aller seelische Gesundheit, insbesondere jene von Kinder und Jugendlichen. Es scheint, als sei der Mensch dem Silicon Valley im Wege: Künstliche Intelligenz soll uns nicht nur das Denken abnehmen, sondern – in der Gestalt sogenannter „Agenten“ – auf immer mehr Entscheidungen aus der Hand nehmen. Der mit einem lebendigen Körper, Gefühlen, Kreativität und sozialen Bedürfnissen ausgestattete Mensch droht auf der Strecke zu bleiben. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut.

Computer können keine existenzielle Erfahrungen machen

Lebewesen sind nicht nur Subjekte, die mit ihrer Umwelt in eine kontinuierlichen Beziehung stehen. Sie nehmen ihre Umwelt auch wahr. Diese Wahrnehmung ist mehr als die Abspeicherung und Verarbeitung von Informationen, wie sie Computer leisten können. Der Empfänger der Informationen, mit denen ein Lebewesen adressiert wird, ist sein analoger, wahrnehmender Körper. Lebewesen erleben, was auf sie einwirkt, sie sind existenziell betroffen. Computer haben keinen erlebenden Körper. Da sie keinen lebendigen Körper haben, fehlt ihnen die Grundlage, existenzielle Erfahrungen zu machen.

Bewusstsein ist ein evolutionär entstandenes, biologisches Phänomen eigener Art. Es hat sich aus der Selbstwahrnehmung lebender Organismen entwickelt. Bewusstsein ist ein zweckfreies Phänomen, sondern dient höheren, zu autonomen Handlungen befähigten Lebewesen zur Selbststeuerung in der realen, physischen und sozialen Welt. Joachim Bauer betont: „Computer haben kein Bewusstsein und werden es auch nicht erlangen, weil sie keinen lebendigen Körper haben. Körperliche Selbstwahrnehmung ist sowohl eine Voraussetzung als auch eine Folge von Bewusstsein.“

Analoge Begegnungen zwischen Menschen haben einen hohen Wert

Künstliche Intelligenz (KI) birgt große Gefahren, aber nicht etwa, weil die Systeme Bewusstsein oder einen gegen die Menschheit gerichteten eigenen Willen entwickeln könnten. Die Verbreitung dieser Angst ist ein Manöver, das von regulierenden Maßnahmen ablenken soll, die notwendig sind, um den wirklichen Gefahren von KI entgegenzutreten. Die wirkliche Gefahr ist eine ohne ausreichende menschliche Kontrolle eingesetzte, nicht an menschliche Handlungsverantwortung gebundene und insoweit autonom agierende KI.

Digitale Angebote haben die ungute Folge, dass sich das menschliche Leben und Zusammenleben aus der analogen Realität in die digitalen Kommunikationskanäle und die virtuellen Räume verlagert. Joachim Bauer fordert: „Wir sollten dieser Tendenz entgegenwirken und die Attraktivität der analogen Wirklichkeit – für uns alle, aber vor allem für Kinder und Jugendliche – erhöhen. Wir sollten den Wert von analogen Begegnungen zwischen Menschen wiederentdecken. Wir sollten die Natur und die Natürlichkeit des menschlichen Zusammenlebens bewahren.“

Menschlichkeit in digitalen Zeiten
Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können
Joachim Bauer
Verlag: Heyne
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-453-21914-4, 24,00 Euro

Von Hans Klumbies