Die verschiedensten Fähigkeiten, die ein Mensch besitzt, gehen auf ein grundlegende Befähigung zurück: die Fähigkeit, zu verstehen, was ein anderer Mensch erlebt. David Brooks erläutert: „Es ist eine ganz bestimmte Fähigkeit, die das Herzstück aller gesunden Menschen, Familien, Schulen, Gemeinschaften oder Gesellschaften bildet: die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich zu sehen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er gesehen wird – einen anderen Menschen grundlegend zu erkennen und ihm das Gefühl zu vermitteln, wertgeschätzt, gehört und verstanden zu werden.“ Genau das bildet den Kern eines guten Menschen und ist gleichzeitig das größte Geschenk, das man anderen und sich selbst machen kann. Denn der Mensch braucht Anerkennung so dringend wie Nahrung und Wasser. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Jemanden nicht zu sehen ist die grausamste Strafe überhaupt
Jemanden nicht zu sehen, ihn klein oder unsichtbar zu machen, ist die grausamste Strafe überhaupt. „Das größte Übel, das wir unseren Mitmenschen antun können, ist nicht, sie zu hassen“, schrieb George Bernhard Shaw, „sondern ihnen gegenüber gleichgültig zu sein: Das ist absolute Unmenschlichkeit.“ Wer das tut, sagt: Du bist nicht wichtig. Du existierst nicht. David Brooks betont: „Auf der anderen Seite ist kaum etwas so erfüllend wie das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden.“ David Brooks bittet Menschen oft, ihm von Situationen zu erzählen, in denen sie sich gesehen fühlten, und sie berichteten ihm dann mit leuchtenden Augen von entscheidenden Momenten in ihrem Leben.
David Brooks erfährt, wie jemand ein Talent erkannte, von dem die Betroffenen selbst nichts ahnten, oder wie jemand genau wusste, was in einem Moment der Schwäche nötig war – und exakt das Richtige tat, um für Entlastung zu sorgen. In den vergangenen vier Jahren hat sich David Brooks sich gezielt bemüht, jene Fähigkeiten zu erlernen, die man braucht, um andere zu sehen, zu verstehen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, respektiert, geschätzt und sicher zu sein. Anfangs wollte er diese Fähigkeiten aus praktischen Gründen verstehen und erlernen.
Man sollte das Leben nicht nur aus dem eigenen Blickwinkel betrachten
Große Lebensentscheidungen lassen sich besser treffen, wenn man andere richtig versteht. David Brooks nennt ein Beispiel: „Ehe man einen Menschen heiratet, sollte man nicht nur sein Aussehen, seine Interessen und seine berufliche Perspektive kennen, sondern auch wissen, wie sich Leid aus der Kindheit im Erwachsenenalter bemerkbar macht und ob die tiefsten Wünsche dieses Menschen mit den eigenen übereinstimmen.“ Wenn man einen Arbeitsplatz zu vergeben hat, reicht es nicht, die im Lebenslauf genannten Qualifikationen zu registrieren.
Zusätzlich muss man auch subjektive Aspekte im Bewusstsein eines Menschen erkennen, die sich auf die Leistungsbereitschaft und den Umgang mit Ungewissheit auswirken und darüber entscheiden, ob jemand in Krisensituationen Ruhe bewahrt oder den Kollegen gegenüber großmütig ist. David Brooks fügt hinzu: „Wenn Sie Beschäftige im Unternehmen halten wollen, müssen Sie wissen, wie Sie diesen Personen Wertschätzung vermitteln können.“ Das Leben läuft viel besser, wenn man die Dinge nicht nur aus dem eigenen Blickwinkel, sondern auch aus dem eines anderen Menschen sehen kann. Quelle: „How to Know a Person“ von David Brooks
Von Hans Klumbies
