Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich ungehört und im Stich gelassen

Jan Fleischhauer schreibt in seinem neuen Buch „Du bist nicht allein“: „Viele Menschen haben offenbar das Gefühl, dass das, was sie so denken und wie sie die Dinge sehen, in den Medien deutlich unterpräsentiert ist.“ Der Autor kann ihnen da nicht widersprechen. Sein Eindruck ist auch, dass die Welt, wie sie von den Medien abgebildet wird, und die Welt, wie eine Mehrheit sie nach wie vor als ihr Zuhause begreift, immer weiter auseinanderfallen. Was passiert, wenn die Mehrheit das Gefühl hat, am Rande zu stehen? Das ist das Thema, dem sich dieses Buch widmet. Die Mehrheit fühlt sich ungehört. Mehr noch: Sie fühlt sich im Stich gelassen. Jan Fleischhauer hat Philosophie, Linguistik und Literaturwissenschaft studiert. Er war 30 Jahre lang Redakteur beim „Spiegel“, bevor er im Sommer 2019 als Kolumnist zu Burda wechselte.

Eine Minderheit will der Mehrheit Vorschriften machen

Eine wachsende Gruppe von Menschen hat den Eindruck, dass sie mit ihrer Meinung mehr oder weniger alleine stehen. Sie denken, dass es zunehmend gefährlich ist, offen zu äußern, was man denkt. Der Einzelne glaubt, er sei mit seiner Meinung allein, obwohl in Wirklichkeit die meisten so denken wie er. Es ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Da man glaubt, mit den eigenen Ansichten in der Minderheit zu sein, behält man sie lieber für sich, aus Angst, sich lächerlich zu machen.

Weil die anderen aus demselben Grund schweigen, entsteht der öffentliche Eindruck, die Mehrheit stünde hinter einer Meinung, die in Wahrheit nur wenige teilen. Dabei werden wir Zeugen eines unerhörten Experiments. Jan Fleischhauer schreibt: „Zum ersten Mal in der Geschichte der parlamentarischen Demokratie macht sich eine Minderheit daran, der Mehrheit nicht nur vorzuschreiben, wo es langgeht. Die Mehrheit wird auch noch dafür verspottet, dass sie nicht so weit ist wie die Minderheit, die den Ton angibt.“

Die Geschichte war auf Dauer nie auf der Seite der Beleidigten

Jan Fleischhauer berichtet in seinem neuen Buch „Du bist nicht allein“ auch von einer neuen Disziplin. Ihre Vertreter sitzen auf Podien und Talkrunden, wo sie ihre Kunst vorführen. Die Disziplin heißt: das Wegargumentieren des Offensichtlichen. Beispielsweise weist ein Sprecher darauf hin, dass bestimmte ethnische Gruppen in Kriminalstatistik überrepräsentiert seien. In Wahrheit liegt die Wahrscheinlichkeit bei Syrern und Afghanen, dass sie eines Rohheitsdelikts verdächtig sind, zehnmal so hoch wie bei Deutschen.

Was kann man tun? Jan Fleischhauers erster Rat wäre: „Überlassen Sie nicht den anderen das Feld. Das wäre die praktische Lehre aus dem Mehrheitsparadox.“ Wenn man sich entgegen allen Bedenken dann doch zu Wort meldet, sagen plötzlich ganz viele: „Das sehe ich genauso.“ Jan Fleischhauers zweiter Rat lautet: „Lassen Sie sich nicht verdrießen. Vieles lässt sich besser ertragen, wenn man ihm mit Humor begegnet.“ Der Konservative steht staunend vor der Unvernunft der Welt, aber er akzeptiert sie kopfschüttelnd als Tatsache des Lebens. Der Linke versteht die Unvernunft als Beleidigung, weshalb er auch immer selbst schnelle beleidigt wirkt. Das trennt die beiden politischen Lager. Und die Erfahrung lehrt: Die Geschichte war auf Dauer nie auf der Seite der Beleidigten.

Du bist nicht allein
Das Mehrheitsparadox, oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat, am Rand zu stehen
Jan Fleischhauer
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, Auflage 4: 2026
ISBN: 978-3-421-07061-6, 25,00 Euro

Von Hans Klumbies