Nach und nach wird die Bedeutung des Gehirns erkannt

Es gibt wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Konsensus über die Bedeutung des Gehirns. So beispielsweise in den Arbeiten des englischen Anatomen William Harvey, der als erster den Blutkreislauf dokumentierte. Vor dieser Erkenntnis herrschte der Glaube, dass der Körper das Blut ständig verbraucht. Daher muss ständig neues Blut produziert werden. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Nun ließ sich feststellen, dass ein und dasselbe Blut ständig durch den Körper zirkuliert und von dem Herzen als Pumpe in Bewegung gehalten wird.“ Diese neue Vorstellung vom Körper hatte Auswirkungen darauf, wie man sich die Funktionsweise des Gehirns zusammenreimte. Insbesondere der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) war von dieser Erkenntnis beeindruckt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

Nervenzellen leiten elektrische Impulse durch den Körper

René Descartes stellte sich das Gehirn als Geschwisterorgan des Herzens vor. Genauso wie das Herz Blut durch die Adern pumpt, könnte doch das Hirn eine andere Flüssigkeit durch die Nerven pumpen. Er sah also das Nervensystem als einen hydraulischen Kreislauf an. In diesem bewegt das Gehirn Flüssigkeit durch die Nervenbahnen, sobald ein Mensch auf seine Umwelt reagieren will. Seine Vorstellung ähnelte in gewisser Weise schon dem heute wissenschaftlich etablierten Prinzip der Reizleitung des Nervensystems.

Es gab einen entscheidenden Durchbruch, was die Erkenntnisse zur Funktion des Gehirns anging. Diesen erbrachte schließlich die Entwicklung der ersten Lichtmikroskope gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Nun konnte man nicht nur Nervenbahnen, sondern auch Hirnzellen genau beschreiben. Jakob Pietschnig erklärt: „Zudem zeigte sich, dass diese Zellen imstande waren, Informationen durch elektrische Impulse durch den Körper zu leiten.“ Ein Jahrhundert später vermuteten einige Wissenschaftler und Anatomen bereits die sogenannte „funktionelle Lokalisation“ von Hirnarealen.

Paul Broca entdeckte das motorische Sprachzentrum

Das heißt, sie nahmen an, dass gewisse Bereiche des Organs Hirn unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Den ersten wissenschaftlichen Nachweis dafür lieferte der Chirurg und Anatom Paul Broca (1824 -1880) durch die Entdeckung des motorischen Sprachzentrums. Den konkreten Anlass dazu gab einer seiner Patienten namens Leborgne. Dieser sollte unter dem Namen Monsieur Tan in Fachkreise traurige Berühmtheit erlangen. Der 51-jährige Mann litt unter den Spätfolgen einer Syphiliserkrankung und hatte seine Sprach fast gänzlich verloren.

Lediglich die Silbe „tan“, die ihm später auch den Namen einbrachte, gab er von sich. Dennoch war er in der Lage, Sprachanweisungen Folge zu leisten. Jakob Pietschnig stellt fest: „Sein Sprachverständnis war also offenbar von der Krankheit nicht gemindert. In der Medizin wird eine solche Symptomatik heute übrigens als „Broca-Aphasie“ bezeichnet.“ Sie gibt den Hinweis auf eine massive Schädigung des Gehirns. 21 Jahre verbrachte Monsieur Tan in verschiedenen Krankenhäusern, aber Paul Broca lernte ihn erst sechs Tage vor seinem Lebensende kennen. Quelle: „Intelligenz“ von Jakob Pietschnig

Von Hans Klumbies

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