Eine pluralistische Gesellschaft hat kein gemeinsames Weltbild mehr

In den demokratischen Staaten des Westens leben die Menschen heute in einer pluralisierten Gesellschaft. Und Pluralisierung bedeutet, dass alle vollen Identitäten in die Krise geraten. Oder wertfrei gesagt: Alle vollen Identitäten erfahren eine massive Veränderung. Isolde Charim fügt hinzu: „Pluralisierung der Gesellschaft meint nicht einfach Vielfalt, sie bedeutet einen tiefgreifenden Wandel gerade der europäischen Gesellschaften. Das radikal Neue an dieser Pluralität liegt nicht einfach darin, dass unsere Gesellschaften vielfältiger werden – moralisch und religiös. Das radikal Neue liegt darin, dass wir selbst uns so grundlegend verändern in einer Gesellschaft, die kein gemeinsames Weltbild mehr hat.“ Für den Einzelnen bedeutet das: Sein Selbstverständnis verändert sich, seine ehemals volle Identität erodiert. Die Philosophin Isolde Charim arbeitet als freie Publizistin und ständige Kolumnistin der „taz“ und der „Wiener Zeitung“.

Die Religionen kehren unerwartet zurück

Und das gilt auch und besonders für die Religion und die Gläubigen. Es ist für Isolde Charim keineswegs selbstverständlich, sich heute noch mit dieser Fragestellung zu beschäftigen. Galt doch seit der Aufklärung die Moderne als Säkularisierung der Gesellschaft. Mit fortschreitender Tendenz. Also je moderner, desto säkularer. Nun hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren gezeigt, dass diese These nicht mehr stimmt. Erstaunlicherweise war eine unerwartete Rückkehr der Religionen zu verzeichnen – auch wenn diese niemals gänzlich verschwunden waren.

Isolde Charim erläutert: „Nun ist diese Rückkehr nicht notwendigerweise ein Rückgang, ein Rückschritt der Moderne.“ Es gilt vielmehr, die Moderne neu zu konzipieren. Modernität muss heute ausgehend von der Pluralisierung gedacht werden. Das Kennzeichen der Moderne ist heute nicht der Rückgang der Religiosität, sondern vielmehr deren Veränderung: eine Veränderung durch Pluralisierung. Diese Veränderung, diese Verschiebung, die der Glaube heute erfährt, ist nicht so sehr eine Veränderung des Glaubensinhalts.

Die Vielfalt der Religionen koexistieren in ein und derselben Gesellschaft

Es ist vielmehr eine Veränderung der Form, der Art, wie ein Mensch heute glaubt. Die Pluralisierung verändert die ehemals volle Identität des Gläubigen, und sie verändert seine Einreihung in die Tradition. In seiner Studie „Ein säkulares Zeitalter“ schreibt Charles Taylor, der Gläubige könne heute nicht mehr im vollumfänglichen Sinn gläubig sein, da sein Glaube immer neben anderen Glauben ebenso wie neben dem Nichtglauben bestehen müsse. Die Pluralität konkurrierender Identitäten, Überzeugungen, Gemeinschaften hat also Eingang in den Glauben selbst gefunden.

Der Glaube funktioniert nicht mehr als einfache Behauptung, sondern nur noch als Gegenbehauptung. Gegen andere Glaubensformen. Und gegen den Nichtglauben. Isolde Charim spricht diesbezüglich von einer doppelten Pluralisierung: Da ist zum einen die Vielfalt der Religionen, die nunmehr in ein und derselben Gesellschaft koexistieren. Und da ist zum anderen jene andere Vielfalt, jene andere Pluralisierung, die säkulare und unterschiedliche religiöse Welten in ein und derselben Gesellschaft koexistieren lässt. Peter Berger spricht deshalb von „zwei Pluralismen“. Quelle: „Ich und die Anderen“ von Isolde Charim

Von Hans Klumbies

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